Zu viele Überraschungen in letzter Zeit!

SurpriseWir sind in den letzten Jahren Zeugen von politischen Überraschungen geworden. Nicht ein- oder zweimal sondern viele Male. So oft, dass unser „Überraschungssensor“ fast schon etwas taub geworden ist.

Die Ursache dieser Überraschungen war kein unabwendbares Naturereignis. Es war auch nicht das berühmte geschichtliche Pendel, das wie von Geisterhand mal diese und mal jene Entwicklung begünstigt.

Hinter den Überraschungen steckt eine von Menschen durchgeführte Manipulation.

Ein Überraschungs-Rückblick

Ein paar der Überraschungen, die ich meine, habe ich hier mal aufgelistet:

  • Schon die Stärke und Standhaftigkeit von Pegida hat damals, als es gerade losging, ausgesprochen überrascht. Weitere Überraschungen: das Erstarken der Reichsbürger, die Gewinne der AfD, der starke Zulauf bei krausesten Verschwörungstheoretikern und Querdenkern, die große Zahl der Teilnehmer bei den unzähligen rechten Demos und auch die dabei immer wieder gezeigte Gewaltbereitschaft. Selbst der deutsche Innenminister war überrascht von alledem und musste zugeben, dass man die Gefahr von rechten Verschwörern lange völlig unterschätzt hatte.
  • Die Brexit-Entscheidung der Briten hatte auch niemand ernsthaft erwartet. Gerade die Fachleute wurden alle auf dem falschen Fuß erwischt. Die spätere Agonie im Unterhaus und die noch immer anhaltenden Nachbeben der Trennung zeigen, wie unsinnig aus rein sachlicher Sicht dieser Move war. Doch eine erstaunliche Mehrheit ließ sich von einem großen Lügengebäude hinters Licht führen.
  • Die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich fiel praktisch „vom Himmel“ bzw. die meisten Franzosen fielen angesichts ihrer Militanz aus allen Wolken. Der stolze Staat bebte und ließ eine bis dahin unbekannte Zerbrechlichkeit erahnen. Noch immer ist nicht ganz klar, wogegen man eigentlich konkret war und was man am Ende wollte. Noch immer hat keine Partei daraus in irgendeiner Form Kapital schlagen können. Nur kräftig gewackelt hat die ganze Kiste.

Und dann natürlich Trump

  • Trumps Wahl 2016 war die schillerndste der Überraschungen. Aktuell noch überraschender aber ist die unveränderte Größe von Trumps Anhängerschaft – trotz dessen vielfachen offenen Rechtsbruchs. Unter den 74 Millionen Trumpwählern sind ja auch Menschen mit einem durchaus aufgeklärten Rechtsverständnis. Das sind nicht alles „Bildungsferne“ aus Idaho. Doch auch sie schmeißen alles Abwägende und Differenzierende über Bord und feiern das rhetorische Abziehbild. Recht ist ihnen plötzlich egal!
  • Ebenso überrascht Trumps große religiöse Wählerschaft. Sie reibt sich anscheinend in keiner Weise an seinen lästerlichen und gottlosen Aktionen. Seine Lügen und Verdrehungen, seine widerlichen sexistischen Sprüche, sein bigottes Leben, sein abstoßendes Menschenbild, seine offensichtlichen charakterlichen Defizite, das ist alles Teufelszeug vom Feinsten. Und alles scheint den tiefgläubigen Anhängern völlig schnurz piepe zu sein.
  • Und wiederum überraschend ist die Bereitschaft vieler seiner Anhänger, selbst massiven Rechtsbruch zu begehen. Die geplante Entführung von Gretchen Whitmer, die Stürmung des Capitols, die offen gezeigte Bereitschaft zu Brutalität und Lynchjustiz – das konnte man sich bis zum 6. Januar 2021 gar nicht vorstellen in den USA.

Wird all das im Rückblick doch irgendwie plausibel, kann man es sich bei genauerem Hinsehen doch gut erklären? Eine halbe Nation dreht moralisch und intellektuell komplett ab? Nein, man kann es sich nicht einfach erklären! Es ist total überraschend!

Die allergrößte Überraschung aber ist, dass wir rund um den Globus so viele gleichgeartete, im Kern ähnliche Überraschungen erleben. Das kann einfach kein Zufall sein!

Die fanatisierte Gruppe

All diese Überraschungen gehen immer einher mit einer fanatisierten Gruppe. Überraschend viele Menschen kehren urplötzlich der Vernunft den Rücken. Das durchgängige Erkennungsmerkmal der fanatisierten Gruppe ist die Aufkündigung des Dialogs. Man sucht kein Gespräch mehr, man stellt seine Ansichten nicht auf den inneren Prüfstand. Es ist plötzlich Schluss mit Argumenten, Plausibilitäten und gesundem Menschenverstand, Schluss mit der Aufklärung!

Die Mitglieder so einer fanatisierten Gruppe wirken fast schon „brain-washed“, so wie Menschen in schlechten Science Fiction Filmen.

Hinter den Überraschungen steckt Manipulation

Eigentlich ist der Geschäftszweck von Facebook, Produkte zu bewerben. Eine Firma bezahlt Geld dafür, dass ihr Produkt genau den richtigen Leuten zu genau dem richtigen Moment vorgestellt wird. Das kann Facebook unglaublich gut. Im Mittelpunkt steht der News Feed, der automatische Online-Redakteur. Mit dem News Feed verdient Facebook sehr viel Geld.

Wie es funktioniert habe ich in einem früheren Beitrag ausführlich vorgestellt.

Doch was für Autos und Kaugummis gut ist, das kann man auch im politischen Bereich einsetzen. Facebook ist seit rund 10 Jahren in der Lage, Gruppen von Menschen gezielt politisch zu mobilisieren, aufzuwiegeln und aufzuhetzen. Wer also den News Feed richtig bedienen kann, der kann statt der Kaufstimmung auch die politische Stimmung beeinflussen.

Mit Hilfe von Facebook kann man nun auf demokratischen Gesellschaften spielen, wie auf einer Orgel.

Und genau das ist in den USA geschehen, wie auch in UK, in Frankreich und in Deutschland.

Die notwendigen Voraussetzungen

Um gut auf der Gesellschafts-Orgel zu spielen, braucht es drei Dinge: Zugang zu den Facebook-Daten, Know-how zur Analyse dieser Big Data und eine kleine Armee von Internet-Aktivisten, die die vielen kleinen Schneebälle oben am Berg ins Rollen bringt.

Die Armeen sind längst da

Schon seit längerem gibt es Berichte von Troll-Fabriken und Troll-Armeen. Wikipedia spricht hierzu auch von „Putin-Armeen“. Es sind professionelle Internet-Nutzer, die mit einem ganz konkreten Auftrag via gefälschte Identitäten ihr Unwesen im Web und besonders in den sozialen Netzen treiben. Wladimir Putin soll diese Form der Subversion besonders schätzen.

Doch Russland ist wohl nicht das einzige Land, das Internet-Kriegsführung betreibt. Chinesen, Koreaner, Iraner, Türken und wohl auch alle anderen „Big-Player“ dürften hier recht aktiv sein – jeweils mit landesspezifischen Aufträgen.

Gelegentlich fallen die Trolle der interessierten Öffentlichkeit unangenehm auf. Irgendwas ging schief, irgendeine Whistle blies. Dann gibt es starke Worte und strenge Blicke von hoher Stelle. „Wir werden verhindern, dass in Zukunft…“ und so weiter.

Was tun die Trolle? Sie kichern leise und machen weiter. Es sind Soldaten. Gehen andere Soldaten verängstigt nach Hause, wenn der Gegner mit ihnen schimpft?

Natürlich nicht. Sie machen weiter, werden technisch immer besser und achten darauf, nicht wieder erwischt zu werden.

Die Nerds mit den Analyse-Know how sind auch schon am Start.

2018 kam die Datenanalyse Firma Cambridge Analytica in die Schlagzeilen wegen missbräuchlicher Auswertung und Nutzung von Facebook-Daten. Die Firma meldete Insolvenz an und um Facebook gab es mal wieder einen Skandal. Mark Zuckerberg gab sich zerknirscht und gelobte Besserung. Alle guckten streng und legten sich dann wieder hin.

Einen ausführlichen, recht aktuellen Bericht dazu kann man bei netzpolitik.org nachlesen.

Was machten wohl die Verantwortlichen von CA nach der Insolvenz? Und was machten die vielen anderen, die das gleiche Geschäft ebenfalls betrieben hatten, aber nicht in die Schlagzeilen geraten waren? Sind sie reuig nach Haus gegangen?

Wie die Trolle machten sie natürlich weiter mit dem Simulieren, Modellieren und Manipulieren. Sie wussten ja, wie es geht und machten es von Tag zu Tag besser, subtiler, stiller.

Wer Präsidenten machen und Nationen bewegen kann, der hört nicht nach einem kleinen Anraunzer auf.

Facebooks Daten sind wohl das Wertvollste, was es auf der Welt gibt

Mit Facebooks Daten und Methoden lassen sich Gesellschaften steuern. Man kann sie auf die Straße treiben, ihnen in der Wahlkabine die Hand führen und das Kapitol stürmen lassen. Dass Trump nicht gewählt wurde, ist nur ein kleiner Rückschlag, ausgelöst durch die überraschende Corona-Krise. Doch das wird bald wieder korrigiert. Die Gesellschafts-Orgel ist zu mächtig.

Weiß Facebook und wissen die USA Dienste, was man da im Menlo Park für einen Schatz hütet? Wird das Problem als solches überhaupt erkannt und nicht als Prio-3-Internet-Thema weiter hinten auf den Aufgabenlisten geführt?

Ist der Schutz der Daten und des Algorithmus wirklich ausreichend stark? Ich bezweifle es.

Wer sitzt an der Orgel?

Wer da konkret orgelt ist eigentlich egal. Eine derart manipulierte Gesellschaft ist ohne nicht mehr frei, auch nicht, wenn der Bundesnachrichtendienst an der Tastatur säße.

Ich glaube nicht, dass Zuckerberg selbst den großen Organisten spielen will. Mark interessiert Geld, er will Jeff und Elon wirtschaftlich überholen. Mein Hauptverdächtiger No. 1 ist vielmehr Wladimir Putin. Die Facebook-Orgel ist eine konspirative Methode. Sie dürfte dem ehemaligen KGB Mann besonders gut gefallen.

Auch die Ausrichtung auf die großen westlichen Demokratien legt diesen Verdacht nahe: Niemandem spielen die aktuellen Erschütterungen in den USA, UK, Frankreich und Deutschland so in die Karten wie den Russen.

Richtig ist indessen auch: viele andere Länder profitierten ebenfalls von wackeligen Verhältnissen in USA und Europa. Profiteure der Instabilitäten gibt es eine ganze Reihe.

Zusammenfassung und Ausblick

Trumps Erfolge und ebenso die anderen Überraschungen der letzten Zeit haben zweifellos mehr als eine Ursache.

Doch Facebook spielt in diesem Ursachen-Bündel eine gewichtige Rolle. Mein Eindruck: diese Bedeutung wird derzeit noch total unterschätzt. Sie ist hoch und sehr viel größer als noch 2016.

Facebook ist in der Lage, das politische Geschehen in einzelnen Ländern in einem Umfang zu manipulieren und zu steuern, der Aufstände und Staatsstreiche auslösen kann. Wir haben bisher nur das Vorspiel erlebt.

Die kommenden Monate und Jahre werden wir eine weitere Stärkung der fanatisierten Gruppen erleben. Dies wird zu zunehmender Polarisierung und Frontenbildung führen. Gewalt-Eskalationen werden sich häufen.

All dies wird sich primär in den USA abspielen. Aber auch in einigen Exit-gefährdeten EU-Staaten werden wir Facebooks Gesellschafts-Orgel spielen hören.

Was tun?

In einem Beitrag vor drei Jahren habe ich noch recht moderate Gegenmaßnahmen für angemessen gehalten. Angesichts der Entwicklungen in 2020 und 2021 bin ich nun überzeugt, dass das nicht ausreichen wird.

Die kleine Lösung

Jeder einzelne kann seinen Beitrag leisten die drohende Gefahr abzuwenden: einfach aus allen Facebook Produkten aussteigen!

Zu beginnen ist mit Facebook selbst, da muss man sofort raus. Ich habe es gemacht, es geht, nach 10 Tagen ist der Entzug überstanden.

Auch WhatsApp und Instagram sollte man im Anschluss verlassen. Sie liefern auch ihren Beitrag zu Facebooks umfassenden Menschheits-Modell. Hier ist der Entzugs-Turkey zum Glück auch nicht ganz so stark. Gute andere Messenger zumindest gibt es ja genug.

Ich mache mir allerdings keine Illusionen darüber, wie erfolgreich dieser Aufruf für meine kleine Lösung sein wird.

Etwas bessere Chancen sehe ich für die große Lösung.

Die große Lösung

Facebook muss zerschlagen werden, weltweit! – mein ceterum censeo.

Bis es soweit ist, sollten wir uns in der EU mit einer Zwischenlösung behelfen. Sie könnte darin bestehen, dass wir klare Regeln für den News Feed festlegen. Im Prinzip geht es um die einfache Frage: Wessen Beiträge kann ein Nutzer noch gezeigt bekommen?

Wenn man das intelligent definiert, etwa streng reduziert auf den Kreis einzeln legitimierter Freunde, könnte man schon mal die Werbewirksamkeit wie auch die Manipulations-Power massiv einbremsen. Manche Nutzer würde das gar nicht so stören. Doch Facebook würde die Lust an dieser Light-Version verlieren.

Damit verdient man nämlich kein Geld mehr. Die so überaus potente Maschine ist nun kastriert.

Doch ich fürchte, nichts davon wird geschehen. Facebook selbst wird es verhindern mithilfe seiner Orgel. Zunächst wird eine ausreichend große Gruppe gegen solche Facebook-Zerschlagungs-Pläne mobilisiert und aufgewiegelt. Und dann informiert man die Parlamentarier, gegen welch großen Teil des Volkswillens sie hier anscheinend vorgehen wollen. So ist eben Demokratie: wer die Massen steuert, steuert den Staat.

Ich befürchte, wir werden einen hohen Preis für unsere Untätigkeit zahlen.

1 Gedanke zu „Zu viele Überraschungen in letzter Zeit!“

Schreibe einen Kommentar