Wo kommen die vielen Verschwörungstheorien her?

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Es ist wirklich merkwürdig: in kaum einem anderen Land gibt es mehr öffentliche Verschwörungstheoretiker mit entsprechenden Verschwörungstheorien als in Deutschland. Warum ist das so?

Deutschland gilt für viele Länder als eine Art Gold-Standard in Sachen Umgang mit der Corona Krise. Unser Gesundheitssystem, die Balance zwischen Lockdown und Lockerung, die wirtschaftlichen Hilfen, die regierungsamtliche Kommunikation, die öffentliche Disziplin – alles gut oder zumindest deutlich besser, als in den meisten anderen Ländern.

Und doch glauben erstaunlich viele Menschen in Deutschland, dass hier finstere Mächte mit noch finsteren Absichten ihr Unwesen treiben.

Ich habe fünf Gründe gesammelt, was die Menschen in Deutschland dazu bewegen könnte, ihre so offensichtlich absurden Dampf-Wolken zu entwickeln und abzulassen.

1. Gott ist tot

Ein wichtiger Sinn und Nutzen von Religion ist es, auch unerklärliche Erlebnisse und Erfahrungen erklärbar zu machen, und wenn es nur der Ewige Ratschluss ist. Kismet nennen es die Muslime ehrfürchtig. Die Wege des Herrn sind unergründlich, murmeln Christen. So etwas tröstet und beruhigt.

Wir wollen, wir müssen immerzu erklären, wie etwas entstand, wie es dazu kam. Wir sind regelrecht gefangen in diesem Ursache-Wirkung-Catch. Da muss doch irgendwas dahinter stecken! Sowas fällt doch nicht vom Himmel!

Doch wenn sich die göttliche Erklärung auf Grund zunehmender Weltfremdheit der irdischen Vetreter (oder weil man gerade zu sehr mit pädophilem Treiben beschäftigt war) auflöst, und wahre Ursachen wie die Wahrscheinlichkeit viraler Mutationen viel zu kompliziert sind – was dann? Dann Verschwörung!

Das klingt nach einem guten, plausiblen Grund: Wenn Religion als Erklärung für Unerklärbares ausfällt, dann kochen die schlichteren Gemüter eben ihre Verschwörungstheorien.

Allerdings stellt sich die Frage: Warum treibt dieses eigentlich doch fast internationale Bedürfnis nach Begründung gerade in D so massiv Verschwörungsblüten?

Eine Antwort könnte sein, dass hier eben mehr Menschen leben, die mit göttlichen Erklärungen nichts mehr am Hut haben. Diese Menschen vertrauen halt ihrem eigenen Hokuspokus mehr, als dem früher von den Kanzeln gewedelten.

Es könnte auch sein, dass manche Religionen dominanter, hegemonialer in Sachen umfassende Weltdeutung sind. Der Islam wäre wohl so eine Religion und auch der Katholizismus. Es sind Religionen mit “einem großen Magen”, einem Magen, der auch völlig Unbegreifliches noch irgendwie verdaut, sprich: in einen Deutungsrahmen zu stecken versteht.

Für Protestanten hingegen klänge ein Satz wie: “Der Herrgott schickt uns das Corona-Virus als Strafe für unsere Sünden!” eher verdächtig. Wie, der Herrgott schickt uns Strafen? Seit wann das denn? Klingt sehr alttestatmentarisch. Sind wir uns neuerdings nicht selbst Strafe genug? So gesehen wären Protestanten anfälliger für Veschwörungstheorien als Katholiken oder Muslime. Ihr Protestantismus bietet bei so weltlichen Themen wie Krankheit und Viren einfach zu wenig Erklärschablonen.

2. Oh wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!

Erinnern Sie noch das Märchen? Die arme Prinzessin musste so lange Stroh zu Gold spinnen, bis sie den Namen des Kobolds rausbekommen hatte. Dieser entleibte sich zum Glück auch gleich, als ihr das Unmögliche gelang. Die Moral von der Geschicht: Wer etwas benennen kann, hat Gewalt darüber. So viel Gewalt, dass das Problem meist gleich verschwindet, hat es nur erst einen Namen. “Juden” ist so ein Name oder “Schwarze”. In China sind es die Langnasen.

Ein Psychologe würde sagen: Die Bennung eines Problems ist ein erster Schritt, seine Ängste zu bändigen. Als Erklärung ist das sicher gut und richtig, nur eben wieder nicht spezifisch deutsch.

3. Ein konkretes Feindbild ist hilfreich

Der Name, die Bennenung der Ursache hat noch einen weiteren, vielleicht sehr viel wichtigeren Vorteil: Man hat einen Feind, den man bekämpfen kann. Der Virus ist abstrakt und zudem aktuell noch unerforscht. Selbst die Wissenschaft rätselt ja noch zu großen Teilen. Wen oder was soll man da überhaupt ins Visier nehmen? Konkrete Verursacher hingegen, Menschen, Organisationen, kann man bekämpfen.

Bill Gates, der Mossad, die CIA, die Chinesen, Angela Merkel, sie alle sind als Feind viel klarer ansprechbar, als ein unsichtbares, komplexes, mehrzelliges Etwas.

Hinzu kommt, dass der scheinbar willkürliche Weg der Natur bei der Evolution schlicht schwer verständlich ist. Viele Menschen können sich die evolutionäre Selektion via Darwinismus mit ihren langen Zeiträumen und vielen Mutations-Irrtümern nicht vorstellen. Dass plötzlich aus dem Nichts ein aggressiver Virus mit recht raffinierten Eigenschaften entsteht, einfach so, dass ist schwer zu akzeptieren. Eine aktiv handelnde Person im Hintergrund, eine Person, die ein Ziel und einen Plan hat, ist sehr viel greifbarer, vorstellbarer.

In wieweit hier gerade deutsche Bedarfe adressiert werden, so dass die Verschwörungstheorien auf dem deutschen Acker besonders gut blühen, ist allerdings erneut unklar.

4. Die Andersdenker

In jeder größeren Gruppe gibt es Personen, die mit dem, was die Gruppe macht und plant nicht einverstanden sind. Oft sind das auch unabhängig vom Thema immer wieder die gleichen Menschen, es ist merkwürdig. Ihnen gefällt einfach die Linie der Mehrheit nicht, egal was diese Linie konkret ist. Sie denken anders, weil sie immer anders denken. Einige legen diese Haltung ab, wenn sie älter werden, andere richten sich darin ein. Anders zu denken wird ihre Identität. So sehen sie sich, nur so fühlen sie sich auch. Immer ein wenig überkreuz mit den Anderen, sozusagen aus Prinzip. “Hauptsache anders!”

Spricht man mit so einem Andersdenker, dann kommt er meist erstaunlich schnell selbst auf den Punkt. “Weißt Du, ich bin irgendwie ein schwieriger Fall, war ich schon immer. Die Sachen hinterfragen, ihnen auf den Grund gehen, bohren, suchen, nicht mit den einfachen Erklärungen zufrieden sein, sondern es genauer wissen wollen – das ist eben meins. Ich falle halt nicht auf die gängigen Erklärungen herein und glaub Vieles erstmal nicht, bin eher skeptisch. Denkvorschriften sind nicht mein Ding, dagegen geh ich an. Das hat mir schon viel Ärger eingetragen, aber so bin ich nun mal.”

Andersdenker sind schwierig im Umgang, das merkt man schnell und das wissen sie selbst. Die meisten haben es auch nicht leicht mit sich. Argumente der Vernunft sind ihnen wegen ihrer Zwangsläufigkeit suspekt. Was mehrheitlich gedacht und gesagt wird, geht Ihnen gegen den Strich, eben, weil so Viele es denken. Was man tun soll aus Einsicht und was die allermeisten auch machen, das machen Andersdenker gerade nicht. Gerade weil so viele mitmachen.

Andersdenker sind offensichtlich besonders anfällig für Verschwörungstheorien. Den plausiblen, nachvollziehbaren, nahezu zwangsläufigen Sachargumenten folgen sie nicht, denn auf diesem Pfad trampelt ja schon der Mainstream brav entlang. “Zwangsläufig” ist sowieso eines der ewigen Unworte des Andersdenkers. “Logisch” und “alternativlos” sind auch auf dieser Unwort-Liste.

Meine These: in Deutschland ist der Anteil der Andersdenker höher, als in vielen anderen Ländern. Und viele von ihnen haben einen großen Faible für Veschwörungstheorien.

Doch warum haben wir hier so viele Andersdenker?

  • Ein Grund ist sicher unserer Vergangenheit. Wenn alle “Sieg heil!” schreien, wollen einige eben nicht mit dabei sein. Das Ganze ist zwar lange her, persönlich erlebt hat das so gut wie keiner mehr. Aber das Trauma der fehlgeleiteten Verführung ist den späteren Generationen in der Schule mit so viel Energie zugefügt worden, dass wir dieses “Wehret den Anfängen!” alle total verinnerlicht haben. Wir haben uns gefragt: Wie schütze ich mich denn selbst vor so einer Verführung? Einfache Lösung: Ich glaub besser erstmal gar nichts!
  • Ein anderer Grund könnte in der Qualität unserer Demokratie, unseres Sozialstaats, unserer Verfasstheit liegen. So komisch es klingt: Sie ist zu hoch. Der deutsche Staat und seine Gesellschaft ist zu gut. Man kann doch eigentlich gar nichts wirklich Substantielles, Grundsätzliches dagegen haben. Natürlich gibt es immer Optimierungsstellen. Aber von Grund auf anders wünscht man es sich doch nicht, oder? Eigentlich ist der deutsche Staat alternativlos. Wie denn generell anders?
    Einen Andersdenker treibt so etwas richtig auf die Barrikaden. Und diese Barrikaden nennen wir Nicht-Andersdenker, wir Braven dann eben Verschwörungstheorien.

5. Der fehlende Vergleich befördert Verschwörungstheorien

Einen anderen und vielleicht den besten Erklärungsansatz deutete Prof. Dr. Christian Drosten im NDR Corona-Virus Update #42 an:

“….Ich glaube, das gilt für viele Menschen in Deutschland, dass sie sich das nicht klarmachen. Das ist anders, wenn man zum Beispiel in Australien oder England leben würde. Durch die Verbreitung der englischsprachigen Medien, die englischsprachige Presseöffentlichkeit, die ist einfach viel größer. Da kommen solche Informationen an. Das ist bei uns nicht der Fall – wenn man nicht dauernd englischsprachige Zeitungen parallel mitliest.…”

NDR Podcast Corona Virus Update Nr. 42; Bei der Schweinegrippe kam alles anders; gesendet 19.5.2020, 15:00 Uhr

Heißt für mich: In D schießen unter anderem deshalb die Verschwörungstheorien ins Kraut, weil die Deutschen wenig internationale Nachrichten sehen, lesen und hören. Sie wissen zu wenig, wie schlimm es in anderen Städten und Ländern, in New York oder England zugeht. Die Deutschen sind zu schlecht informiert darüber, was im Ausland abgeht und sehen zu Hause eine zu heile Welt.

Warum soll ich mich einschränken, wenn gar nichts los ist? Die wollen doch in Wirklichkeit was ganz anderes erreichen!

Sehr simpel und darum wohl auch der wichtigste Grund. Wie Professor Drosten sagt: Ein Luxusproblem.

Nachtrag 11.6.2020

schlichter Mensch

Einen interessanten weiteren Erklärungs-Ansatz für Verschwörungstheorien habe ich bei National Geographic gefunden, den “Dunning-Kruger-Effekt”. Dabei handelt es sich um die hässliche Seite der Erkenntnis, dass gerade kluge Menschen vor den Ansichten Anderer großen Respekt zeigen. Besonders schlichte Menschen halten also die meisten anderen für noch deutlich schlichter. Leider ist das für Deutschland, eine der Hochburgen der Verschwörungstheoretiker, keine schmeichelhafte Deutung, denn danach – nun ja.

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