Wahl im November: Wie kann Trump noch gewinnen?

Sieger der Wahl im NovemberGegenfrage: Will ich das denn? Nein, auf keinen Fall! Weitere vier Jahre mit ihm wären für alle verheerend, für die USA, die Europäer, die Menschen, die Natur, die Welt. Ich sollte also besser darüber nachdenken, wie er die Wahl im November nicht gewinnt.

Verstehen wir also die Titelfrage einfach so: Was könnten ihm teure Berater mit dicken Stiften aufs Flipchart schreiben? Mit welchen Strategien aus dem Weißen Haus muss man rechnen? Wie könnte Trump versuchen, die allgemeine Dynamik der Stimmung noch zu stoppen und zu seinen Gunsten zu drehen?

Die aktuelle Lage ist alles andere als gut für Trump

Im Juni 2020 stellt sich die Situation für das Trump-Lager etwas vereinfacht so dar:

  • Die Arbeitslosigkeit steigt, die Wirtschaft schwächelt, die Verschuldung wächst.
  • Die sozialen Unruhen finden kein rasches Ende. Immer größere Bevölkerungskreise wollen die Rassismus-Dauerlüge der USA abschütteln und sich hier ehrlich machen.
  • Corona ist noch lange nicht besiegt. Die Zahl der Infizierten wie der Toten in den USA wächst und wächst. Das Mismanagement unter Trump ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Immer weniger Menschen glauben, dass die Chinesen oder die WHO an alledem Schuld sind.
  • Immer mehr Menschen in den USA erkennen, dass Trump nicht der Gesalbte ist, nicht das Genie, nicht der unvergleichliche Deal-Maker, nicht der, der Amerika wieder groß macht. Sie erkennen ihn als das, was er wirklich ist: ein gewissenloser Narziss mit beschränktem Intellekt und großer Klappe. Sie erkennen, dass er mit jedem Tag seiner Amtszeit Amerika etwas kleiner macht.

Bei der Wahl im November sieht es darum nicht gut für Trump aus.

  • Nach einer Umfrage im Mai führt Biden in den sogenannten Swing-States Virginia und Florida. 2016 gingen diese Staaten noch an Trump.
  • Gerade eine Woche alt ist eine nationwide Umfrage, nach der Biden insgesamt 7 Prozentpunkte vor Trump liegt.
  • Und immer mehr Republikaner schütteln nur noch den Kopf über den Wahnsinn im Weißen Haus.

Das kann sich noch alles drehen, auch 2016 kam Vieles anders als erwartet. Vielleicht findet man in den USA vor der Wahl im November noch ein Medikament oder einen Impfstoff, oder gar beides. Welch ein Triumph ließe sich dann inszenieren!

Vielleicht kommt es auch zu militärischen Reibereien mit China, Nordkorea oder dem Iran. Man könnte ja etwas nachhelfen, ich habe das schon vor einigen Tagen als möglichen Ausweg skizziert. Auch dann werden sich die Amerikaner wieder dichter um ihren Präsidenten scharen.

Aber was, wenn solche unvorhersehbaren Ereignisse ausbleiben? Was, wenn es einfach so weitergeht bis zur Wahl im November? Welche neuen Wähler kann er dann überhaupt noch gewinnen? Die Unbelehrbaren, die er schon hat, werden mehrheitlich bleiben, doch welche frischen könnten dazu kommen? Er kann doch nur Wähler verlieren, so, wie es derzeit aussieht.

Der richtige Song für die Wahl im November

Vor einem halben Jahr klang die Melodie, die die Trump-Leute zwischen den Zeilen erklingen ließen, ungefähr so: “Stimmt, er ist kein Kuschel-Präsident und keine Pop-Ikone. Aber manchmal muss eben ein Donald Trump kommen, um einen Saustall wie Washington auf Vordermann zu bringen.” Nicht schlecht, wirklich nicht schlecht. Aber nach Corona und George Floyd geht das nicht mehr, die Melodie ist dissonant. Es demonstrieren zu Viele auf den Straßen, zu Viele sind arbeitslos, zu Viele sind gestorben.

Der Präsident gab die falschen Parolen aus, verhedderte sich in Widersprüche, nahm die falschen Posen an und verkündete unglaubliche Dämlichkeiten. Man kann ihn nicht mehr einfach als den harten Hund, als den Mann mit Ecken und Kanten, als den, der nun mal beim Hobeln auch Späne erzeugt, präsentieren.

Zu Vielen ist klar: da wird grundsätzlich falsch gehobelt, da arbeitet jemand ganz generell am falschen Bauwerk. Der Präsident hat nicht das große Ganze im Blick, sondern nur sich selbst. Er spaltet die Nation statt sie zu einen.

Wenn er wirklich klug wäre…

…würde er genau hier ansetzen. So, wie die Menschen in den USA gerade einen Prozess durchmachen, so erlebt eben auch der Präsident eine Veränderung, eine Entwicklung. Warum soll er nicht sogar eine Art Epiphanie gehabt haben? Vielleicht bei einem Besuch in einem Krankenhaus oder als er eine Rede in Mount Rushmore hielt.

Plötzlich sieht er Dinge neu, in einem ganz anderen Licht, beurteilt sie entwickelter, moderner, mit neuem Mut und neuer Kraft. Und, ganz wichtig: mit mehr Liebe! War da nicht immer jede Menge Hass in den zurückliegenden Debatten? Waren die Journalisten nicht alle viel zu verbissen und boshaft? Schon lange hatte er den Eindruck, dass da überall die Liebe fehlt, die Bereitschaft, den anderen zu verstehen und auf ihn zuzugehen.

Er ist doch Präsident aller US-Bürger! Wer, wenn nicht er, kann den Weg der inneren Versöhnung einschlagen? Wir müssen die leidvollen Debatten der letzten Monate hinter uns lassen. Es ist vorbei und geschehen, nun beginnt ein neues Kapitel.

Darum wird er die letzten 5 Monaten bis zur Wahl im November dazu nutzen, das Land wieder zu einen und Gräben zuzuschütten. Er hofft, dass ihm Viele folgen. Leben wir in einem Land der Republikaner und Demokraten? Der Weißen und Schwarzen? Nein, wir leben im Land der Amerikaner! Wir sind eine Nation, das ist unsere Kraft, the Power of One! Und er, Donald Trump wird den USA diese Power of One zurückgeben.

(Machen Sie jetzt bitte ihr Feuerzeug wieder aus).

Natürlich muss so eine Ansage begleitet sein, von einem reichen Portfolio medienwirksamer Maßnahmen. Sie alle zeigen: das meint er ernst.

Doch zum Glück ist er eben Donald Trump

So gut ich mir so ein “Positioning” im Prinzip vorstellen kann, so schwer fällt es mir, all diese Dinge Trump sagen zu hören. Das eben kann er nicht. Es beginnt gleich damit, dass er sich nicht verändern wird, weil er sich nicht verbessern kann. Denn er war ja schon immer ein Genie. Seine Weitsicht ist unermesslich. Seine Tweets genauso: sie bleiben ebenfalls giftig und böse, denn seine ignoranten Gegner haben es nicht anders verdient. Wer ihn angreift, kriegt es doppelt zurück, das ist sein Reflex. Und schließlich muss den Leuten doch klar und laut sagen, wem sie das alles zu verdanken haben: ihm, nur ihm ganz allein.

Es kann also alles durchdacht und konsistent riesengroß auf dem Teleprompter stehen. Er wird wieder die gute alte Trump-Show daraus machen, mit Widersprüchen, Fake News, Prahlerei und Dummheiten.

Deshalb bin ich mit allen Einschränkungen vorsichtig optimistisch, was die Wahl im November betrifft. Wenn nicht überraschende Sonderereignisse eintreten und wenn die Wahl auch wirklich im November stattfindet, dann glaube ich nicht, dass Trump sie gewinnt. Ob er das Ergebnis dann akzeptiert, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Vor zwei Tagen hat Lawrence Douglas diese Frage auf interessante Weise in der ZEIT beantwortet. Was, wenn Trump nach der Wahl im November seine Niederlage nicht annimmt? Das Interview liegt hinter der Bezahlschranke, aber es lohnt sich.

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