Auf dem Elfmeterpunkt – ein Nachtrag

Senioren aka alte Säcke

In meinem letzten, recht polemischen Beitrag habe ich eine steile These aufgestellt. Der Umgang mit der Coronakrise verteile die Lasten und Nutzen zwischen Jüngeren und Alten nicht fair. Meine Behauptung: Das sagt aktuell zwar noch keiner, aber diese Sicht liegt wie ein Fussball auf dem Elfmeterpunkt. Es fehlt nur noch einer, der kickt.

Mittlerweile hat einer gekickt. Der Tagesspiegel berichtet heute, 25.3.2020, über die Ansichten von Professor Thomas Straubhaar. Zitat: „Ich finde es verblüffend, dass man gerade nach den politisch verheerenden Ergebnissen, die man mit dem Wort Alternativlosigkeit in Deutschland in jüngerer Geschichte gemacht hat, wiederum von einer Alternativlosigkeit ausgeht.“

Und anscheinend stand der Professor mit seinen Ansichten schon ein paar Tage zuvor am Elfmeterpunkt. Sein Artikel bei Capital soll bereits erheblich Furore gemacht haben.

Interessant finde ich insbesondere seinen Gedanken, dass eben Ärzte primär dem Wohl des Einzelnen verpflichtet sind. Wenn die Regierung zunächst und zuvörderst auf Ärzte hört, dann werden ihre Maßnahmen auch entsprechend ausfallen. Billigend ein Plus an Sterbefällen in einer Bevölkerungsgruppe in Kauf zu nehmen, ist nicht nur für Mediziner keine Alternative. Selbst dann nicht, wenn nur so die Volkswirtschaft gerettet und größeres Unglück für die Gemeinschaft vermieden werden könnte. Die Würde des Menschen…

Professor Drosten hat in seinem NDR-Podcast am 24.3. weitgehend ausgeschlossen, dass hinter dem britischen Umgang mit Corona bis vor wenigen Tagen eine Strategie á la Straubhaar stehe. Wishful thinking? Drosten denkt sehr in moralischen Dimensionen, hat hohe ethische Prinzipien. Bei BoJo wäre ich da nicht so sicher. Und wie lange die meisten anderem Politiker Drostens Weg folgen, werden wir bald sehen. Noch hält die Kanzlerin die Reihen geschlossen, doch der Druck wächst täglich.

Diese verdammten alten Säcke!

Mit “alten Säcke”, damit meine ich schlicht Senioren. Das ist mehrfach unhöflich bis respektlos, unter anderem, weil ich Frauen wie Männer anspreche. Doch für meine steile These muss das jetzt mal sein, ich bitte um Nachsicht. Bei genauem Hinsehen ist die These auch gar nicht so steil.

Meine steile These

Die Eigenschaften des neuen Corona-Virus sind noch weitgehend unbekannt, aber nach allem, was man liest, ist er nur “ein wenig tödlicher” als der Grippe-Virus. Gefährlich, keine Frage, aber kein echter Killer. Es gibt manche Unterschiede in der Beurteilung, aber hier sind sich die Fachleute ziemlich einig.

Allerdings für die Alten (und Schwachen) wird Corona tatsächlich zur Gefahr, je älter und schwächer sie sind, desto stärker. Die anderen, die Jüngeren und Stärkeren, haben – wenn überhaupt – einfach zwei Wochen Grippe. Ein Drittel der Infizierten erlebt die Krankheit symptomfrei.

Damit nicht so viele Alte wegen Corona sterben, würgt die Regierung nun die gesamte Volkswirtschaft nahezu vollständig ab. Sie treibt ein Heer von Unternehmen in die Insolvenz und ein noch größeres Heer von Arbeitnehmern in die Arbeitslosigkeit. Um die Folgen ihrer Maßnahmen abzufangen, verfeuert sie unsere letzten Spargroschen. Und sie nimmt Schulden in einem Umfang auf, der noch vor wenigen Wochen für unverantwortlich gegolten hätte.

Mit welchem Ergebnis? Genau weiß man das noch nicht, wir sind ja mitten drin. Aber ziemlich sicher werden auf diese Weise viele Senioren gerettet. Die alten Säcke können noch lange weiter leben und ihre Rente oder Pension beziehen. Wie schön!

Wir müssen doppelt für die alten Säcke bluten

Alle, die noch im Februar das Bruttosozialprodukt gemehrt haben, wissen ja: Wenn sie einmal in ferner Zukunft in Rente gehen, wird nicht mehr genug da sein, um den Bedarf der Empfänger voll abzudecken. Die Rentenkassen werden leer sein und junge Beitrags-Einzahler gibt es dann fast gar nicht mehr. Darum sind schon jetzt Steuern und Sozialversicherungs-Beiträge unnötig hoch: um ein Polster zu bilden für magere Jahre. Hier bluten wir derzeitigen Beitragszahler schon lange. Denn wir finanzieren den vergreisenden Babyberg.

Dieses Sicherheits-Polster ist nun leider wegen Corona weg, es wird gerade verpulvert für eine Rettungsaktion – zu Gunsten der alten Säcke.

Doch damit nicht genug, wir retten die alten Säcke gleich nochmal, ganz aktuell, hier und jetzt. Die Stichworte heißen Kontaktverbot und Unternehmensschließung. Die Bilder sind leere Straßen und Menschen, die nicht mehr rausgehen. Das ist für unsere Volkswirtschaft verheerend. Wir, die wir die Wirtschaft am Laufen halten, verlieren unseren Arbeitsplatz, sinken in Armut, müssen von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe leben. Wir können unseren Kindern die Ausbildung nicht mehr ermöglichen, unsere monatlichen Kosten nicht mehr tragen und unsere Darlehen nicht bedienen. Viele von uns müssen private Insolvenz anmelden, viele müssen ihre Kleinunternehmen hochverschuldet schließen. Wir bluten komplett aus.

Nach Corona sind wir alle ärmer. Wirklich alle?

Gerade hat es der Ökonom Karsten Junius in einem Interview gesagt: Nach Corona sind wir alle ärmer! Und das ist noch nett ausgedrückt. De facto kehren wir verarmt zurück in ein verarmtes Land.

Doch trifft es wirklich alle? Uns, die wir mit täglicher Arbeit die Brötchen verdienen oder zuvor verdient haben, trifft es, ist klar. Aber die Renten- und Pensions-Empfänger? Deren Aktien-Portfolio ist vielleicht ein wenig geschrumpft, ein paar Mieten der Immobilie als Kapitalanlage sind ausgefallen, aber die Renten und Pensionen fließen doch lustig weiter.

Ärmer sein bedeutet eben nicht einfach, weniger Geld zu haben. Selbst wenn man ein stattliches Vermögen verloren hat, das nun statt 500.000€ sagen wir nur noch 450.000€ groß ist – das ist ja nicht richtig ärmer. Ärmer als zuvor sein bedeutet, das Leben, das man sich mühsam aufgebaut hat, plötzlich nicht mehr leben zu können. Alleine nicht, mit dem Partner nicht, mit der Familie nicht. Und das ist es, was gerade passiert: Corona lässt sicher geglaubte Lebensträume platzen.

Die Rentner und Pensionäre sind davon allerdings nicht betroffen, egal ob sie nun auf halben Millionen hocken oder nur 1.000€ im Monat haben. Ihre Bezüge sind von alledem unberührt. Ihr Lebensplan wurde nicht mal eben auf den Kopf gestellt. (Das heißt natürlich nicht, dass 1.000€ im Monat ein bequemes Leben ermöglichen. Das Gegenteil ist der Fall)

Und ganz aktuell das gleiche Bild: Die alten Säcke sind fein raus.

Als Berufstätiger lebe ich in einer Wohnung, die meinen Lebensumständen entspricht. Sie ist schön und ausreichend, aber am Wochenende merke ich schon: wenn alle da sind, ist es ganz schön voll. Gut, dass wir, meine Familie und ich, über lange Abschnitte der Woche “woanders” sind, im Job, in der Schule, bei Freunden, in Sportvereinen und Fitness-Studios, in der Fortbildung, in Kinos, Kneipen oder Konzerten.

Doch oh Schreck, nun hocken wir für mehrere Wochen auf einander und gehen uns ganz schnell ganz tierisch auf die Nerven. Flucht ist unmöglich, wohin denn? Hinzukommen die Sorgen um die Zukunft. Wir streiten viel, sind misslaunig und schlafen schlecht.

In der Wohnung gegenüber lebt ein Rentner-Paar, rüstig und gesund. Die machen einfach so weiter wie bisher. Sie haben das Dauer-Zusammenleben schon mehrere Jahre geübt und sich in ihren 2 oder 3 Zimmern gut und harmonisch organisiert. Sie sind nicht mehr auf Partnersuche, gehen seltener in die Kneipe und können offensichtlich leichter ein paar Tage Freundesentzug verkraften. Zukunftssorgen belasten sie nicht, die Rente ist ja sicher.

Unterm Strich: das ist nicht fair!

So, Schluß mit These, ich stelle diese kursive Sicht einfach mal in den Raum. Ein bißchen überpolemisch formuliert, zum Teil einseitig verkürzend, aber nicht völlig absurd. Ich habe schon deutlich Verückteres gehört. Es ist auch gar nicht meine Sicht, aber es sind schon richtige Gedanken drin. Und die Vorwürfe liegen einfach da, wie der Ball auf dem Elfmeter-Punkt. Noch kickt niemand, aber das kann sich bald ändern, befürchte ich.

Mich erinnert die These bzw. der Geist, der aus diesen Worten spricht, an die Griechenlandkrise vor über 10 Jahren. Die Rettungsmaßnahmen wurden uns als alternativlos verkauft. Und weil das alle Parteien so sahen, CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne, weil der Chor der Retter wirklich unisono war, gab es plötzlich eine neue Partei. Bernd Lucke gründete die AfD (sie hatte damals völlig andere Ziele als heute, nämlich deutsche Spargroschen schützen). Plötzlich war die Alternative eben doch da.

Heißt was?

Vieles an der steilen These muss man erstmal etwas zurecht rücken. Das Ableben der “alten Säcke” zynisch gegen wirtschaftliche Nöte aufzuwiegen, ist eben dies: zynisch. Der Ausdruck ist zudem respektlos.

Ganz wird die Wirtschaft auch gar nicht abgewürgt. Vielleicht ist die weniger harte Landung, die die Bundesregierung anstrebt (Beschlüsse vom 22.3.2020, Kontaktreduzierung, nicht Ausgangssperre ), ein sehr umsichtiger Weg. Umsichtiger jedenfalls, als der bayerische (was ich von dem halte, steht hier), aber auch als der der meisten anderen Nationen.

Doch irgendeine Unruhe, ein Ungerechtigkeitsgefühl, der Eindruck, nicht ausreichend repräsentiert zu sein, liegt weiterhin in der Luft. Es könnte sich eine Bewegung bilden, über die sich junge Menschen mehr Gehör verschaffen. Hier wäre Jung-sein praktisch das Programm. Die Jungen bilden zwar nicht die Mehrheit, wenn man Nasen zählt. Aber ihre Zahl multipliziert mit Lebenserwartung ergibt schon eine dominante Fläche. Das erleben sie als Legitimation.

Nicht “Wir sind das Volk!” sondern “Wir sind die Zukunft!” wäre ihre Parole. Vielleicht wird es nicht eine Partei sondern eher etwas schwach Formatiertes, wie Pegida oder die Gelbwesten. Vor gut einem Jahr die Proteste gegen das neue Leistungsschutzgesetz und vor nur wenigen Wochen die Fridays for Future Bewegung, das war ein erstes Aufflackern. Doch da ist noch viel Luft nach oben.

Ich hoffe, dass die Verantwortlichen diesen schwelenden Generationenkonflikt berücksichtigen. Er kann zu sehr unerfreulichen Auswüchsen führen, die nachhaltiger wirken, als Corona.

Ein letztes Wort zu den alten Säcken. Ich bin 66 Jahre alt und also selbst einer.

Facebook-News: 10 Quellen um up-to-date zu bleiben

Im Oktober 2013 habe ich das erste Buch zu Facebook geschrieben (Autoren sagen eigentlich: “vorgelegt”), eine Benutzungsanleitung für Einsteiger, herausgegeben von der Stiftung Warentest. Das Buch ist recht gut angenommen worden, die Stiftung als Verlag ist natürlich ein guter Absender.

Doch die Welt bleibt nicht stehen, Facebook schon gar nicht. Ende 2015 haben wir einen Update (“Facebook”) herausgebracht, der umfangreicher ausfiel, als zunächst geplant war. Es hatte sich viel zwischenzeitlich geändert.

Um die Dynamik im Blick zu behalten und die vielen Schrauben, an denen ständig gedreht wird, habe ich mir einen kleinen News-Feed zusammengestellt. Damit trage ich die allermeisten Änderungen und Aktualisierungen zusammen. Hier finde ich viele wichtige Facebook-News für die nächste Auflage. Seit dem letzten Redaktionsschluss im Oktober 2015 habe ich so schon wieder 147 solche Nachrichten gesammelt

In diesem Beitrag stelle ich die zehn wichtigsten Quellen meiner Facebook-News vor, sortiert nach Wichtigkeit – für mich. Wer also im Themenumfeld des Buches mehr wissen will, der kann meinen Quellen hier folgen und sich selbst einen aktuellen Eindruck verschaffen.

WeiterlesenFacebook-News: 10 Quellen um up-to-date zu bleiben