Beschneidung der Freiheit?

„Ein jegliches Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen.“ (Mose 1/17, Luther 1912).

Das ist viele tausend Jahre her und seit dem praktizieren die Juden es so (Muslime und andere religöse Gruppen haben sich dem Ritus angeschlossen). Nun stellten Kölner Richter fest, dass es sich dabei um Körperverletzung handele und die Beschneidung von Neugeborenen also strafbar ist.

Die entstandene Diskussion ist kontrovers und geht quer durch die Parteienlandschaft. Der Bundestag hat eine baldige rechtliche Regelung mit dem Ziel einer Legalisierung angekündigt, aber es mehren sich Zweifel. Nun haben zudem noch einige Mediziner erkannt, dass der 6-8 Tage alte Knabe durch die Beschneidung erhebliche Schäden nehmen kann. D.h., dass das Urteil also nicht einfach das Durchsetzen eines etablierten Prinzips des säkularen Rechtsstaates in bisher ausgenommenen religösen „Sonderräumen“ ist, sondern dass es sachlich-medizinisch auch geboten ist. Zur Sicherheit fügte man noch hinzu, dass man Wahrheiten auch in einem durch den Holocaust vorbelasteten Land nicht unterdrücken dürfe.

Diese gleich mitgelieferte Immunisierung erschien wohl erforderlich, denn in der Tat hatten jüdische Organisiationen schon von einem zweiten Holocaust (eben durch das Urteil) gesprochen.

Mir fallen dazu 4 Punkte ein

  1. Grundsätzlich müssen alle religiösen und weltanschaulichen Bräuche, Riten etc., egal wie lange sie schon bestehen oder wie sie innerhalb der jeweiligen Gruppe legitimiert sind, mit unseren Gesetzen übereinstimmen. Im Konflikt hat stets das Gesetz den Vorrang. Einen anderen Staat als einen säkularen wünsche ich mir keinesfalls!
  2. Welches objektive Leid wird aber hier wirklich gemildert? Lassen wir die Kirche und die Synagoge im Dorf! Wer will ernsthaft messen können, welches Trauma die Beschneidung auslöst angesichts der übrigen massiven körperlichen Traumata der ersten Lebenstage; zuallererst die Geburt, die Kälte draußen, das Abtrennen der Nabelschnur, der Klaps auf den Po (damit das Kind schreit), Erstimpfungen etc.
    Die Juden haben sich in den letzten Jahrtausenden indessen nicht erkennbar ausgezeichnet durch überproportionale Anteile von Verhaltensmustern, die diese besondere, zusätzliche frühkindliche Schädigung, wenn sie denn stattfand, hätte auslösen müssen.
    Dieser längste Life-Versuch der Welt (mit Muslimen und Christen als Kontrollgruppen) hat schon lange die Null-Hypothese bestätigt: Kein Unterschied erkennbar, kein nachhaltger Zusatz-Schaden. Die 100 Ärzte – das wirkt doch sehr rassistisch motiviert, pre-empting hin oder her.
  3. Bei den Juden handelt es sich nicht um irgendeine Religion und bei der Beschneidung nicht um irgendeinen Brauch. Diese monotheistische Religion ist fundamental für das Christentum und den Islam, und die Beschneidung fundamental für das Judentum. Abrahams Beschneidung ist, wenn man so will, die erste jüdische Handlung überhaupt. Juristisch ist so eine Ausnahme problematisch wegen der Gleichbehandlung („Dann gilt das auch für Scientology-Bräuche!“). Aber ich hätte mir gewünscht, die Richter aus Köln hätten ihre prinzipienfeste Erkenntnis den Kollegen aus Lüttich oder Straßburg überlassen. Muss das unbedingt in Deutschland exemplifiziert werden? Es wäre jedenfalls schön, wenn die deutsche Legislative das Thema ohne, dass man gleich nach Karlsruhe muss, lösen könnte – für diesen Sonderfall ohne Verallgemeinerungs-Option.
  4. Das Zeigen von Leichen in der Presse wird vermieden, denn es verletzt die Würde des Menschen (auch nach dem Tod!), die vom Grundgesetz ganz besonders und ohne Ansehen von Nationalität oder Religion geschützt ist. Hat dann nicht auch Jesus Christus Anspruch auf diesen Schutz? Seine Leiche wird zum Teil in den erniedrigsten Posen, zum Teil mit ausgeprägten Folterverletzungen (schon das Kreuz selbst ist ja Folter) an mindestens so vielen Stellen öffentlich gezeigt, wie Juden im Jahr beschnitten werden. Die Menschenwürde von Jesus Christus wird in jeder christlichen Kirche und bei jeder christlichen Andacht verletzt. Christliche Kirchen sind also verfassungswidrig. (Mit der Brille der sturen Rechtsstaat-Prinzipienreiterei auf der Nase sieht es jedenfalls so aus.)
    Sind die Argumente gegen diesen Einwand nicht letztlich genauso kulturgeschichtlich begründet wie die der Juden gegen das Beschneidungsurteil?

Ich bin gespannt, wie die Diskussion weitergeht und ob manche Verfechter der strengen Trennung Staat-Kirche, der man diese Entschiedung nun mal schulde, nicht bei längerer Debatte doch erkennen lassen, dass diese Trennung im Falle des Christentums weniger strikt, im Falle von Judentum und Islam aber sehr grundsätzlich gesehen wird.

Nach langjähriger Schlamperei bis Einseitigkeit bei den Sicherheitsdiensten könnte hier der nächste staatliche Sündenfall am rechten Rand deutlich werden. Zu befürchten wäre dann eine sehr viel dramatischere Beschneidung – die der Freiheit.