Corona zeigt Interessantes auf

18.3.2020

Die Kanzlerin spricht zur Nation. Das macht sie eigentlich nur zu Neujahr, nun also erstmalig zu Corona. Sie beschreibt die Lage (ernst!) und was zu tun geboten ist: Einschneidendes. Und wenn das nicht greift, ist man bereit noch eine Schippe drauf zu legen. Sagt sie so nicht, aber jeder versteht: wenn Ihr Euch nicht zusammenreißt gibt`s Ausgangssperre. Mutti verhängt Stubenarrest, wenn wir nicht brav sind.

Sind wir brav, reißen wir uns zusammen? Es sieht nicht recht so aus. Hier im immer auf Krawall und Widerspruch gebürsteten Berlin geht die Party jedenfalls vielerorts einfach weiter. Mindestabstand? Blödsinn. Händewaschen? Alles Panik-mache!

Man kann es so sehen: In der Bevölkerung gibt es halt immer ein paar, vielleicht 10% oder noch weniger, die machen einfach nicht, was sinnvoll ist und von den Authoritäten gefordert wird. Aber Moment mal, machen diese “Authoritäten” denn selbst alle, was sinnvoll ist? Leider nein, die Verantwortungsträger geben ebenfalls ein eher unscharfes Bild ab. Konnte man gleich im Anschluss besichtigen. Dabei wurde auch noch etwas Anderes deutlich, und das war sehr interessant.

19.3.2020

Einen Tag nach der TV-Rede der Kanzlerin vereinbaren nämlich die Ministerpräsidenten, die Corona-Entwicklung bis zum 21.3., bis Samstag Abend zu beobachten. Am Sonntag, 22.3. wollen sie gemeinsam und bundeseinheitlich mögliche weitere Verschärfungen zu beschließen. Guter Plan, doch Markus Söder will sich als großer Macher profilieren, der frühzeitig, vor den andern bereits durchgreift. Er verhängt einfach bereits am 20.3. eine weitgehende Ausgangssperre – nur für Bayern versteht sich. War mit ihm einen Tag zuvor anders vereinbart, aber mei – so ist Politik halt.

Warum dies, warum konnte er das Wasser nicht halten bis Samstag? Bayern ist immer etwas schneller als der Bund, das will er zeigen. Die anderen MPs und Bürgermeister und insbesondere Armin Laschet sollen als zögerliche Zauderer desavouiert werden. Seine Profilierung ist ihm wichtiger als bundesdeutsche Einheitlichkeit. Das überrascht nicht. Fast alle CSU-Politiker sind bereit, deutsche Interessen für bayerische zu opfern, egal, ob sie regionale oder nationale Ämter bekleiden.

Die letzten drei CSU-Minister haben das Bundesverkehrsministerium praktisch zu einem bayerischen Strukturförderprogramm umfunktioniert. Mit ihren Maut-Tricksereien haben sie zudem das deutsche Ansehen beschädigt und Millionen Euro verbrannt – für bayerische Ziele.

Im Verkehrsministerium war auch lange Zeit das Thema “Digitalisierung” angesiedelt – und wo steht Deutschland jetzt damit? Abgesehen von Bayern auf einem hinteren Platz. In der aktuellen Regierung liegt die Verantwortung für Digitalisierung bei Horst Seehofer. Voran geht natürlich wieder nichts für Deutschland.

Ganz nebenbei merke ich noch an, dass es aus meiner Sicht verfassungsrechtlich nicht okay ist, dass eine Regionalpartei Regierungskoalitionär im Bund wird. Eigentlich dürfte die CSU gar nicht an Bundestagswahlen teilnehmen. Meine Gründe dafür habe ich hier dargestellt.

Die eigentliche Botschaft vom Freitag ist: Söder denkt über Corona hinaus, er schielt offensichtlich nach Berlin, will wohl heimlich doch Kanzler werden. Und das bedeutet: Um Kariere zu machen, schadet er dem Land. Nicht ungewöhnlich, aber trotzdem widerlich.

Corona in der Diskussion

Corona Virus

15.3.2020, Corona-Diskussion bei Anne Will. Mir ist besonders der unangenehme Auftritt von Alexander Kekulé in Erinnerung geblieben. Es war mit Händen zu greifen, wie neidvoll und missgünstig der Mann den medialen Erfolg des Kollegen Drosten beobachtet. Ein gutes Beispiel gab’s gleich zu Beginn: Drosten sagt: Die Corona-Pandemie ist eine Explosion in Zeitlupe. Dazu Kekulé: Das sei der größte Blödsinn, den er je gehört habe.

Was ist eine Explosion? In Bruchteilen von Sekunden wachsen zerstörerische Kräfte exponentiell so an, dass eine integre Struktur auseinanderfliegt. Was haben wir hier: Die Entwicklung ist exponentiell und zerstörerisch, aber vollzieht sich in Tagen, Wochen, Monaten. Was also ist falsch an “Explosion in Zeitlupe”? Nichts, es ist verständlich, anschaulich, korrekt. Aber Drosten hatte es gesagt, und das passte dem Professor aus Halle nicht.

In dem Stil ging es die ganze Sendung über weiter. Und dabei immer dieses Weinerlich-Selbstgefällige: “Ich habe ja schon damals gesagt…” und “hätte man damals meinen Rat…”.

Ja klar, es ist ärgerlich, es tut vielleicht sogar richtig weh, mal Berater der Bundesregierung gewesen zu sein und nun ist auf einmal ein Anderer dran und steht im Scheinwerferlicht. Aber muss man seine Bitterkeit darüber so öffentlich und für jedermann sichtbar zu Markte tragen? Peinlich, peinlich. Es stimmt schon: Diese Krise ist auch ein Charaktertest.

Mich erinnerte der Mann an den Gefängnis-Psychologen in Schweigen der Lämmer, Dr. Frederick Chilton. Der konnte auch nicht verwinden, mal Nummer zwei zu sein. Ist ihm dann ja nicht gut bekommen. Vielleicht war ich also etwas voreingenommen.

Und die anderen Gäste? Eher blass. Minister Scholz war übermüdet und die trägen Diskussionen leid, die er schon so oft geführt hatte. Ministerpräsident Laschet legte sich mehr ins Zeug, aber musste sich auch durch altbekannte Frontlinien kämpfen. Die Anästhesistin aus der Charité, Claudia Spies, war erfrischend unaufgeregt und sachlich. Sie machte nicht den Fehler, Kekulé auf seine Defizite hinzuweisen. Die erkannte man auch so.