Kritisch: E-Mail-Konto einer oder eines Verstorbenen löschen

Natürlich sollen die digitalen Konten einer oder eines Verstorbenen gelöscht werden, nur: nicht sofort!

Gerade das E-Mail-Konto kann für die Erben später noch sehr wichtig sein. Einmal gelöscht, ist es kaum noch zu reaktivieren. Bei manchen anderen digitalen Konten ist es ähnlich.

In dem Beitrag werden die Gründe für diese Empfehlung genannt und einige Sonderfälle rund um das digitale Erbe behandelt.

Hintergrund

Der Artikel ist Teil einer kleinen Serie. Ausgangspunkt der Serie war das Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) zu Facebook aus dem Juli 2018.

  • Im ersten Beitrag ging es um das Urteil selbst. Welche Bedeutung hat es insbesondere über den konkreten Facebook Fall hinaus? Deutlich wurde: die mögliche „Zusatz-Bedeutung“ ist erheblich! Sie besagt stark vereinfacht: Alle digitalen Konten (nicht nur das Facebook-Konto) gehen an die Erben über.
  • Der zweite Beitrag behandelte die Frage: Was heißt das für den ganz normalen Internet-Nutzer? Die etwas vereinfachte Antwort: er muss sehr viel besser aufpassen, was er schreibt, postet und teilt.
  • Der dritte Beitrag richtete sich an die, die ihren digitalen Nachlass dokumentieren wollen. Was müssen sie im Lichte des BGH Urteils jetzt zusätzlich beachten? Der wichtigste der Ratschläge war, den digitalen Nachlass robust, sicher und umfassend zu erstellen. Der Beitrag enthielt eine konkrete Empfehlung, wie man das recht einfach und pragmatisch hinbekommt.
  • Dieser vierte Beitrag hier behandelt ein Spezialthema, nämlich die Warnung vor einem zu frühen Löschen wichtiger digitaler Konten.
  • Der fünfte und letzte Beitrag wird sich an Personen richten, die gerade einen Todesfall im nächsten Familienumfeld oder Freundeskreis erlebt haben. Was sollten sie in den ersten Tagen und Wochen nach dem traurigen Ereignis beachten?

Darum geht’s hier

Nach einem Todesfall ist es nicht klug, wichtige digitale Konten der oder des Verstorbenen schnell zu löschen. Die Konten, insbesondere die E-Mail-Konten (aber auch andere), können den Hinterbliebenen noch wertvolle Dienste leisten.

Mittelfristig ist es natürlich richtig, die digitalen Konten eines Verstorbenen zu löschen. Es kommt eben auf das Timing an.

Der Hauptgrund: E-Mail-Konten sind eine Art Perso

Um das besser zu verstehen, muss man sich klarmachen, welche Bedeutung ein E-Mail-Konto tatsächlich hat. De facto ist es nämlich eine Art Personalausweis im Web, ein Identitätsnachweis.

Wenn Sie heute irgendein digitales Konto eröffnen wollen, egal wo, bei einem Shop, bei einer Heizungssteuerung oder einer Krankenkasse, dann wird dieser Anbieter Ihnen zur Sicherheit eine E-Mail schicken mit einem Bestätigungs-Link. Der Klick auf den Link ist Ihr Perso. Wer Zugang zum E-Mail-Konto einer Person hat, ist die fragliche Person – zumindest im Web.

Wenn Sie später dort wichtige Kontodaten ändern wollen: genau das Gleiche.

Wenn zum Beispiel der Partner eines Verstorbenen bei einem Online-Service irgendetwas ändern will, Bankdaten vielleicht, weil das Giro-Konto des Verstorbenen gesperrt ist, der Service aber weiterlaufen soll, dann ist er darauf angewiesen, die E-Mails an den Verstorbenen noch empfangen zu können.

Es wirkt vielleicht pietätlos und fühlt sich bestimmt nicht gut an, E-Mails an einen Toten zu lesen. Aber die Alarmanlage oder Heizungssteuerung nicht bedienen zu können, so lange der Erbberechtigungsschein nicht vorliegt, wird sich im Zweifel noch schlechter anfühlen.

Andere digitale Konten können auch wertvoll sein

Das E-Mail-Konto eines Verstorbenen zu früh zu löschen ist auch kritisch, weil zum Beispiel im Falle von Gmail (ehem. Googlemail) durch so eine Maßnahme deutlich mehr verloren gehen kann, als nur der E-Mail-Verkehr: Drive, YouTube, Blogger etc. Hier können Dateien, Filme oder Beiträge gespeichert sein, die für die Nachkommen immens wichtig sind

Und auch manche anderen E-Mail-Provider bieten zusätzliche Service, insbesondere im Cloud-Bereich. Die Daten in so einer Cloud sind nach einer Kündigung des E-Mail-Kontos dann immer gleich mit verschwunden.

Andere digitale Konten können auch ganz direkt kritisch sein. Daten in einer Cloud haben wir schon angesprochen. Ein Dropbox-Konto mal eben zu löschen, ist ganz offensichtlich nicht klug.

Vielleicht hat die oder der Verstorbene aber auch noch eine E-Wallet angelegt und darin Bitcoins gesammelt. Oder auf einem Online-Depot liegen ein paar Aktien. Opa hat ein wenig spekuliert, um familiären Diskussionen auszuweichen, davon aber niemand was erzählt.

Die Bitcoins sind mit dem Löschen der E-Wallet ziemlich sicher futsch, vom Online-Depot erfährt man möglicherweise erst sehr spät oder sogar nie, wenn die Zugangsdaten bei einem verfrühten „Digital-Putz“ weggeworfen wurden.

Welche weiteren unerfreulichen Situationen sich bei fortschreitender Entwicklung im Internet der Dinge ergeben mögen, kann man sich noch gar nicht umfassend ausmalen. Alle modernen Elektrogeräte (Kühlschrank, Waschmaschine, Garagentoröffner etc.) sind ja bereits irgendwie im Web und führen da ein undurchsichtiges Leben. Irgendwie irgendwann nach dem Todesfall können die Erben das meiste davon sicher übernehmen und weiternutzen. Wer hier aber zu früh großzügig gelöscht hat, hat sich erstmal ein Probleme eingehandelt.

Der digitale Nachlass wird missachtet

Es ist möglich, dass der Verstorbene einen digitalen Nachlass formuliert hat, und in dem steht zum Beispiel, dass das Threema-Konto von einem guten Freund abschließend verwaltet werden soll. Die beiden hatten in diesem Messenger ein paar Bilder von gemeisamen Reisen gesammelt. Der Verstorbene wollte sicherstellen, dass der Freund noch Zugriff auf alle Bilder erhält.

Wenn das Threema-Konto von einem nahen Familienmitglied in einer ersten schnellen Bereinigungs-Aktion gelöscht wurde, dann war’s das mit dem letzten Willen.

Sonderfälle

Rund um das Thema „Konto löschen“ gibt es noch ein paar Sonderfälle. Sie betreffen Facebook und Google.

Sonderfall Facebook Konto löschen

Bei Facebook kann man einstellen, dass Facebook das eigene Konto im Todesfall löschen soll. Wer das für sich selbst so festlegt, hat einen kleinen Teil seines digitalen Nachlasses bereits definiert. Damit sind alle Zweifel an dieser Stelle beseitigt. Niemand erbt das Konto, es ist weg, zuverlässig. Das ist absolut okay so.

Die Hinterblieben sollten dankbar sein, ein Thema weniger! Hier kann es keine Unsicherheit und keinen Streit mehr geben. Schade vielleicht um ein paar Fotos und Filme, aber so wollte es der Verstorbene.

Eine andere Frage ist es, ob die Erben von sich aus das Facebook Konto löschen sollten. Da es hier Bilder und Filme mit hohem Erinnerungswert geben kann, sollte vor dem Löschen geklärt sein, ob daran noch jemand Interesse hat.

Sonderfall Facebook Gedenkzustand

Wenn man das BGH-Urteil ernstnimmt, und noch wichtiger: Wenn Facebook das BGH-Urteil ernstnimmt, dann wird es den Facebook Gedenkzustand in der bisherigen Form in Deutschland schon bald nicht mehr geben. Denn etwas vereinfacht gesagt, hat das BGH diesen Zustand eines Facebook Kontos als systematischen Vertragsbruch durch Facebook eingestuft. Den Gedenkzustand gibt es, folgt man dem BGH, in Deutschland eigentlich gar nicht.

Die Erben erben das Facebook Konto. Punkt-Ende-aus.

Wie Facebook diese Kuh vom Eis schaffen will, ist noch unklar. Grundsätzlich sollten die Erben darauf bestehen, das Facebook-Konto eines Verstorbenen auf jeden Fall löschen zu dürfen (im Gedenkzustand geht das nämlich eigentlich nicht). Bevor Sie hier aber juristisch aktiv werden, sollten sie anwaltlichen Rat einholen.

Sonderfall Google Konto auf inaktiv setzen

Bei Google kann man einstellen („Kontoinaktivität-Manager“), dass nach einer längeren Zeit der Nichtnutzung des Kontos (12 oder 18 Monate sind typische Fristen)

  • Google eine zuvor festgelegte Vertrauensperson per E-Mail informiert, und zwar darüber, dass
  • das Konto nun auf inaktiv gesetzt wird.

Google macht in den Hilfetexten dazu auf das entstehende Problem für die Nachkommen aufmerksam. Diese Inaktivität betrifft nämlich fast alles, was man so bei Google haben kann:

  • Google Drive, der Cloud Service
  • GMail, der E-Mail-Service
  • YouTube, der Videoclip-Service
  • G+, das soziale Netz
  • Blogger, ein Blog-Service ähnlich WordPress

Wenn das Google-Konto inaktiv ist, ist all das unerreichbar.

Diesem möglicherweise massiven Verlust kann man auf zwei Arten vorbeugen:

  1. Am besten ist es, der Verstorbene hat zu Lebzeiten selbst festgelegt, wer nach seinem Tod welche Daten aus seinem Konto zum Download erhalten soll. Das wäre dann der Google-Teil des digitalen Nachlasses. Wer das getan hat, hat weise gehandelt. Die genannten Vertrauenspersonen erhalten entsprechende Nachrichten von Google, ohne selbst aktiv werden zu müssen.
    Doch so wird es leider in den seltensten Fällen sein.
  2. Wenn die Inaktivitätsfrist ausreichend lang ist, das heißt die Kontotür geht erst nach 12 oder 18 Monaten Stille zu, haben die Nachkommen zuvor ausreichend Zeit gehabt, alle Daten selbst zu sichern – vorausgesetzt, sie kannten die Logindaten. Sie sollten darum sofort nach Ausstellung des Erbscheins alle relevanten Daten von den diversen Google-Konten runter laden. Denn wenn irgendjemand im besten Glauben, aber im Prinzip etwas verfrüht, eine Sterbeurkunde an Google schickt, stellt Google das Konto womöglich ebenfall etwas verfrüht auf inaktiv.

Fazit

Wichtige digitale Konten eines Verstorbenen sollten die Erben nicht frühzeitig löschen oder kündigen, denn

  • sie brauchen das E-Mail-Konto noch, um sich bei anderen Serivces zu legitimieren,
  • sie missachten durch ein Löschen möglicherweise den letzten Willen das Verstorben,
  • in einigen digitalen Konten können verborgene Werte schlummern und
  • andere digitale Konten sind Voraussetzung für die Steuerung vernetzter Geräte.

 

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