Im befreundeten Ausland

Wir haben wieder eine Woche in Frankreich verbracht, eine schöne Woche. Und doch kann ich nicht umhin, Franzosen immer wieder ein wenig eigenartig zu finden.
Das erstaunt mich, denn ich kenne recht viele recht gut. Trotzdem “reibe” ich mich an einigen Eigenheiten. Besonders auffällig finde ich, was ich versuchsweise “passive Rücksichtslosigkeit” nennen will, ein Nicht-Berücksichtigen der Bedarfe anderer. “Passiv”, weil es eher eine Bequemlichkeit, ein “Nicht-darüber-Nachdenken” ist und nicht ein bewußtes oder gar aktives Bedarfs-Ignorieren. Kein praktizierter Zynismus sondern eher en-passant. Wird ein impliziterer Bedarf plötzlich explizit, wird er aktiv geäußert, ist man in Frankreich außerordentlich hilfsbereit, die Menschen sind nicht kalt, sie sind nur stark mit anderen Dingen (sich selbst?) beschäftigt.
Manche impliziten Bedarfe scheinen mir sehr offensichtlich, etwa die 6-köpfige Familie, die über die stark befahrene Straße gehen will. Niemand hält an. Ich halte an – und man ist erstaunt über den Fakt. Dann Blick aufs Kennzeichen, ach so, danke, okay.
Das gibt es auch im Großen: Im Kern stammt ja Marketing aus der Erkenntnis, dass mir unbekannte Menschen vor einer Entscheidung stehen und ich diese Entscheidung in eine bestimmte Richtung, in die meines Produktes lenken will. Ich muss überlegen, was in der konkreten Situation für den potenziellen Kunden entscheidungsrelevant ist, sachlich oder emotional; implizite Bedarfe und auch mögliche Störungen muss ich antizipieren. Die Fähigkeit hierfür scheint mir in F schwächer ausgeprägt zu sein als z.B. in D oder UK oder USA. Wer unser Produkt nicht gut findet, hat selbst Schuld – das scheint in Frankreich oft die Sicht zu sein.
Schade, das Land hat so viele so tolle Produkte (u.a. auch das Land selbst), man könnte da wirklich was draus machen. Beispiel Cognac: Wieviele Marken kennt man? 3? Maximal. Und wieviele Whisky-Marken mit unaussprechlichen Namen? Vermutlich mehr als 10, von Dimple, Chivas, Johnny Walker & Co. ganz zu schweigen. Dabei bietet Cognac mit Sicherheit eine mindestens ebeneso breite Aromen-Vielfalt wie Scotch Single-Malts.
Eine aktive Bedarfs-Anzipiation würde indessen in Frankreich selbst sehr gut ankommen – man wäre allerdings erstaunt und würde auf den Absender schauen: ist das wirklich ein französisches Produkt? So umsichtig? Erstaunlich!
Ich denke auch, dass die deutschen Exporterfolge zu einem großen Teil eben auf der Fähigkeit des Erkennens impliziter Bedarfe beruhen und auch, dass dann bei der Umsetzung nationale Botschaften oder Prinzipien hintenangestellt werden. Hingegen der jahrelange Renault-Slogan: “Createure d’Automobile”, schön französisch ausgesprochen, ist eben zwar sehr brav und 1a korrekt für den französischen Direktor, aber schlecht fürs deutsche Publikum.

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