Flucht aus Afghanistan

FlchtlingeIm Flüchtlingsheim Wilmersdorf habe ich in den letzten Monaten neue Menschen kennengelernt, insbesondere aus Afghanistan – weil es in Wilmersdorf eben viele Afghanen gibt. Und mit denen habe ich über Vieles gesprochen, auch über ihre Flucht.

Besonders die ganz einfache Frage: “Wie verläuft so eine Flucht eigentlich konkret?” hat mich sehr interessiert. Ich konnte mir das einfach nicht recht vorstellen. Geht man den ganzen Weg zu Fuß? Immer im Dunkeln? Wird man gejagt? Muss man kämpfen? Wo schläft man? Und so fort.

Hier sind einige Antworten, die ich mit der Zeit gesammelt habe.

  • Je nach Abschnitt flieht man zusammen mit 5, 50 oder auch 150 Menschen, zu Anfang einige wenige, ein Taxi voll, zum Schluss in Gruppen, die auf eine LKW-Ladefläche passen.
  • Richtig zu Fuß ist man nur bei der Grenzüberquerung unterwegs. Zwischen Afghanistan und Deutschland gibt es dafür allerdings reichlich Gelegenheit, acht bis zehn kommen schnell zusammen: Iran, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn oder Slowenien / Kroatien, Österreich, Deutschland.
  • Diese Märsche können durchaus 5, 10 oder gar 15 Stunden dauern. Sie finden oft bei Nacht statt, das Wetter spielt keine Rolle.
  • Irgendwo vor der Grenze wird man für den Fußmarsch abgesetzt, von einem Gruppentaxi, Minibus, Pritschenwagen oder LKW und irgendwo dahinter später dann wieder aufgegabelt. Diese Transport-Infrastruktur stellt der Schleuser.
  • Nicht immer kommt man beim ersten Anlauf auch wirklich rüber. Dann steht man plötzlich vor türkischen oder ungarischen Soldaten, die einen einfach zurückschicken.
  • Jeder dieser mehrstufigen Grenzquerungen geht eine längere Wartezeit in einem Wohnheim voraus. Die Schleuser unterhalten ein ganzes Netz davon, in Teheran, Istanbul, Athen, Belgrad und vielen anderen Orten. In kleinen Zimmern á 20 Personen muss man dort mehrere Tage warten, bis die nächste Etappe organisiert ist.
  • In diesen Heimen ist für das Nötigste gesorgt, Ernährung, Wasser, einfachste Hygiene, Schlafmöglichkeit.
  • Die Wohnheime sind in aller Regel abgeschlossen. De facto sind die Flüchtlinge auf ihrer Flucht die meiste Zeit Gefangene.
  • Wirklich in eine Art Gefängnis kommt man oft in der Türkei. 30 Tage kann so eine Internierung dauern, Männer und Frauen in getrennten Großzellen, einmal die Woche können sich die Familien für eine Stunde sehen.
  • Dann ist man plötzlich frei, erhält eine Aufenthaltsgenehmigung für einen Monat und wird an die griechische Grenze gebracht. Mit dem Schlauchboot geht es dann meist nach Lesbos, die Insel liegt nur 70 Seemeilen von Izmir entfernt.
  • Die ganze Strecke von Kabul bis München ist ungefähr 6.500 km lang und dauert zwischen 80 und 100 Tage – jedenfalls bis zum Herbst 2015 war das so. Ob die Türkei etwa nach den deutschen Milliardenzahlungen im Oktober ihre Praxis geändert hat, weiß ich nicht. Der anhaltende Strom von derzeit gut 3.000 Neuankömmlingen pro Tag spricht nicht dafür.
  • Von körperlichen Bedrohungen oder gar Angriffen wird kaum berichtet. Auch in den abgeschlossenen Wohnheimen und Quasi-Gefängnissen geht es zwar bedrückend beengt und hygienisch grenzwertig zu, aber doch auch leidlich gesittet.

Andere Menschen, andere Fluchtwege, andere Erlebnisse. Authentische Berichte, Ergänzungen oder abweichende Darstellungen werden hier gerne als Kommentare veröffentlicht.