Das Facebook-Dilemma und wie man es angehen kann

Die Facebook-Karawane führt nicht aus dem Facebook-DilemmaWir haben ein Problem

Das Facebook-Dilemma besteht vereinfacht gesagt darin, dass ein System in unsere Gesellschaft, unsere Kommunikation, unsere Köpfe und unser Miteinander eingezogen ist, das diese beschädigen kann, sie beschädigen wird und vielleicht schon beschädigt hat.

Warum Dilemma? Weil es sich bereits „ingenistet“ hat. So mal eben entfernen können wir es nicht mehr. Um ein Bild zu benutzen: Wir haben die Pilze schon gegessen, die nicht nur lustig sondern auch krank machen.

Die Frage ist allerdings, ob radikales „Entfernen“ der richtige Weg ist, selbst wenn er gangbar wäre.

Facebooks Nutzen

  • Bei aller Kritik: Facebook ist eine angenehme Kommunikations- und Unterhaltungs-Maschine. Auch wer diese Ansicht nicht teilt, muss zugeben, dass viele andere rund um den Globus es eben so sehen. Wer ist hier zum Richter berufen?
  • Für viele Menschen ist Facebook in den letzten Jahren zu deren zentralem Kommunikationsort geworden, hier findet für Viele das soziale Leben primär statt. Man mag das traurig oder sogar armselig finden – einfach den Stecker ziehen kann man nicht.
  • In Facebook haben sich bereits viele sehr sinnvolle und nutzenstiftende Plattformen etabliert. Viele Non-Profit-Organisationen konnten via Fanpage günstig ihre Anlaufstelle im Netz schaffen, viele soziale Engagements entsprechende Gruppen gründen.
  • Der kleine Austausch im lokalen Umfeld wird gefördert, von privat zu privat und ebenso zwischen Kleinunternehmen und ihrer privaten Kundschaft.  Gerade diese „SOHOs“ und Mini-Existenzen haben hier eine sehr günstige Form für Kommunikation,  Werbung und Promotions gefunden.

Die Liste kann man noch sehr viel länger machen, aber die Botschaft ist kurz: Facebook hat Vieles ermöglicht, was sonst nicht möglich gewesen wäre.

Und auch dieses etwas zynische Argument darf volkswirtschaftlich nicht übersehen werden:

  • Es hängt schon eine ordentlicher Schwarm kleiner und mittlerer Unternehmen an dem Giganten aus Menlo Park. Im letzten Beitrag hier habe ich diesen Schwarm die Facebook-Karawane genannt. Sie würden sich natürlich wehren, aber wichtiger ist: Es würden in nicht unerheblichem Umfang Arbeitsplätze abgebaut und Existenzen vernichtet.

Das Schweigen der Karawane

Für Einige ist die Zerschlagung von Facebook trotzdem schon auf der politischen Agenda. Solche Forderungen haben sich in den USA unter einem plakativen Namen gesammelt, BAADD.

Und die Anderen, die Karawanen-Tiere (ich bin selber eines) hüllen sich weitgehend in Schweigen und hoffen, dass die mal wieder angestimmten Facebook-Grabgesänge wie alle anderen in den Jahren zuvor wirkungslos verklingen. Einige Kommentare  von fachlicher Seite zum Facebook-Dilemma hört man, aber es sind wenige.

  • Thomas Hutter sieht eine große Verantwortung bei den Journalisten, die mit viel Unverstand und schlechter Recherche einer sachlichen und sachgerechten Lösung im Weg stehen. Und ein wenig Schuld sieht er auch bei uns Nutzern, weil wir zu bequem, zu lässig, zu unbekümmert mit unseren Daten umgehen.
  • Christian Erxleben von BASIC thinking folgt ihm bei der Nutzer-Selbstkritik. Als Problem-Ursache erkennt er Naivität und fehlendes Wissen und fordert darum eine bessere digitale Bildung.

Doch sonst ist es gerade auf der eher IT-kundigen Seite erstaunlich ruhig. Aufregung, Entrüstung und laute Aufschrei-Stimmung herrscht hingegen in den Feuilletons und im Boulevard. Gerade darum wären ein paar mehr fachliche Einsichten rund um das Facebook-Dilemma sehr hilfreich in diesen Tagen.

Was wäre denn sinnvoll?

In meinen Beitrag vor einigen Tagen habe ich versucht, die oft mit einander etwas unsauber verschlungenen Probleme zu entknoten. Mein Fazit zum Ende hin war:

Facebooks Manipulations-Qualität hat der Werbung eine neue, bisher nicht bekannte Qualität gegeben. Sie erlaubt den direkten Eingriff in die gesamte Gesellschaft.

Hier will ich nun versuchen, Auflösungs-Ansätze für dieses Facebook-Dilemma zu skizzieren.

Es gibt eine ganze Reihe von Wegen, die man beschreiten kann, und zum Glück geht hier Vieles parallel.

Die eher braven Ansätze

  • Wir brauchen fleißigere Journalisten, professionellere Recherchen und ehrlichere Medien. Ein frommer Wunsch, der nach meinem Geschmack auch oft was von Schuldzuweisung und Selbstgerechtigkeit hat. Ich wüßte zudem nicht, wie man das Thema operativ angehen sollte. Und wenn kein Griff dran ist, kann die Forderung kaum mehr als ein Appell sein.
  • Mehr digitale Bildung, mehr digitale Reife der Nutzer. Ich habe das vor Kurzem selbst gefordert, um Leser zu einem sicheren Umgang mit Passwörtern zu motivieren. Aber mir war klar: mehr als ein braver Aufruf war das nicht. Natürlich ist es wünschenswert, dass in den Schulen das Digitale einen höheren Stellenwert hat. Natürlich ist eine Digitalerziehung analog zur Verkehrserziehung gut und richtig. Aber wie lange wird es dauern, bis so etwas Früchte trägt?

Aus meiner Sicht kann das jedenfalls nicht alles sein. Die jüngste Vergangenheit macht deutlich: selbst wenn sich das ganze Facebook-Gate dieser Tage als unberechtigter Sturm im Wasserglas herausstellt, selbst wenn Cambridge Analytica weder auf Trumps Wahl noch die Brexit Entscheidung nennenswerten Einfluss hatte, selbst wenn das alles nur Hysterie ist: Das Facebook-Dilemma ist doch real!

Es hätte eben durchaus so sein können. Niemand bezweifelt ja die prinzipielle Möglichkeit einer entsprechenden Manipulation.

Und wir alle wissen: wenn etwas möglich ist, ist es nur eine Frage der Zeit, wann es auch erfolgt.

Facebook hat die Möglichkeit, unsere Gesellschaften zu entzweien, aufeinander aufzuhetzen, hin zu polaren Positionen anzustacheln. Dass dies bisher noch recht selten passiert ist, liegt womöglich daran, dass bisher nur wenige Mächtige erkannt haben, welche kommunikative Wasserstoffbombe in Menlo Park rumliegt.

Aus diesem Grund glaube ich, dass die braven Ansätze oben nicht ausreichen, um unsere Gesellschaften und Demokratien zu schützen.

Radikalere Ansätze

Aus meiner Sicht sind Ansätze wie die diese hier erforderlich, um das Facebook-Dilemma nachhaltig zu entschärfen.

Öffentlicher Facebook-Datensatz.

Facebook hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Schatz an Wissen über die Spezies Mensch aufgebaut. Mit ihm können sich Soziologen und Psychologen über mehrere Generationen von früh bis spät beschäftigen. Die Rede ist von dem kompletten Universum der verschiedenen Nutzer-Attribute und -Aktivitäten.

Aktuell profitieren von diesem Schatz nur Wenige. Im Kern fließt er ein in die Zielgruppen-Selektion und ins Kampagnen-Modelling der Facebook-Kunden. Wer diese Kunden im einzelnen sind, wissen wir nicht. Aber sie haben einen so unvorstellbar großen Vorsprung zu allen anderen Ergebnissen irgendwelcher Marktforschungsstudien, dass man beides gar nicht mehr sinnvoll vergleichen kann.

Dieser laufend wachsende und aktualisierte Datensatz sollte – natürlich in komplett anonymisierter Form – der „Menscheit“ für Forschungszwecke zugänglich gemacht werden. Er würde uns auf vielen Gebieten, die weit über Marketing und Werbung hinausgehen, tiefe Einsichten verschaffen. Ich stelle mir eine Stiftung vor, die neben diesen Daten zum einen entsprechende Auswertungs-Tools bereitstellt. Für Big Data braucht man auch Big Data Werkzeuge. Zum anderen regelt und kontrolliert sie den Zugang zu den Daten, im Prinzip so, wie unsere BStU, unsere „StaSi-Behörde“. Der Vergleich ist mehrfach schrägt, aber er zeigt, dass man sehr wohl den Zugang zu hoch-sensiblen Informationen auf seriöse Weise öffentlich machen kann.

Transparenter News Feed

Das eigentliche Produkt von Facebook ist der News Feed, der Nachrichten Strom. Er wird durch einen komplexen Algorithmus zusammengestellt. Dieser Algorithmus ist eine Art automatisierte Info-Redaktion für jedes einzelne Mitglied. Jedes Mitglied, jeder Nutzer bekommt seinen ganz persönlichen Ausschnitt der potentiell für ihn verfügbaren Informationen zu sehen.

Der News Feed ist der Motor der Manipulationsmaschine Facebook.

Intransparent an ihm ist

  1. wie er grundsätzlich funktioniert und
  2. wer gerade wie auf ihn Einfluß nimmt, wer ihn zur Zeit wie modelliert.

Der erste Schleier sollte komplett gelüftet werden. Welche Parameter wie beeinflussbar sind, darf kein grundsätzliches Geheimnis mehr sein. Für den zweiten Schleier genügt es, die Auftraggeber zu kennen. Zu viele weitere Details zu einer Kampagne würden den Wettbewerb behindern. Mercedes geht es nichts an, wie BMW konkret seinen neuen 8er via Facebook einführen will.

Wichtig ist hier nur: es gibt keinerlei verdeckte Kampagnen, keine heimlichen Cambridge Analytica Maßnahmen, keinen undercover KGB-Einfluss oder was auch sonst Intransparentes.

Kontroll-Gremium

Für beide Maßnahmen (und noch für Manches andere sonst) braucht es eine Kontrolle, eine Regulierung, eine Aufsicht. Nicht alles, was nach meinen Vorschlägen „öffentlich“ sein soll, muss in dem Sinne öffentlich sein, dass jedermann es im Internet downloaden kann. Auch Geheimdienste kann man öffentlich kontrollieren, ohne dass zuviel Vertrauliches entweicht.

Dieses Gremium muss ausreichend empowert sein und andererseits auch ausreichend öffentlich legitimiert. Unsere Rundfunkräte könnten an einigen Stellen als erste Blaupause dienen.

Ziemlich radikal

Zugegeben, diese Maßnahmen sind in der Tat radikal. Aber eine Zerschlagung bedeuten sie nicht. Ob man soweit gehen muss, oder ob es gelingt, die Facebook Nutzen weitestgehend zu erhalten und dabei doch die Risiken einzudämmen, wird man in den nächsten Monaten sehen. Ich werde jedenfalls erstmal mein Facebook-Konto auf Eis legen. Wenn genug Andere das ähnlich sehen, wird das Signal in Menlo Park sicher wahrgenommen. Das allein wird aber nicht genügen.

Dicke Bretter bohren

Um die Maßnahmen durchzusetzen, müssen sehr dicke Bretter gebohrt werden. Facebook müsste einen großen Teil seines aktuellen Geschäftsmodells, ja seiner Identität opfern. Aber doch nur einen großen Teil, nicht alles, á la long nicht einmal den Kern. Gesellschafts-Manipulation war nicht von Anfang an der Plan von Mark Zuckerberg. Das hat sich eher ergeben, durch den außergewöhnlichen Siegeszug und begünstigt durch die US-amerikanische Offenheit gegenüber erfolgreichem Entrepeneurship. Heute wird man sich natürlich schwer von dem Erreichten trennen. Nur massiver Druck kann das schaffen.

Dieser Druck muss von politischer Seite kommen. Nur auf die Nutzer, die „Mitglieder“ zu setzen, wäre naiv. Der unregulierte Markt wird das nicht schaffen. Wer könnte es aber schaffen? Die Europäer, einige zumindest. Die Deutschen und die Franzosen wären ziemlich sicher dabei, die Iren vielleicht zunächst nicht.

Wenn Politiker ihre Verantwortung für die Demokratie ernst nehmen, dann müssen sie etwas in dieser Art fordern. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass in ausgewählten europäischen Ländern zum Beispiel eine Facebook Europe GmbH aktiv ist, die nach etwas anderen Spielregeln agiert (siehe oben), als Facebook Inc. in den USA.

Es wird nicht leicht aber es muss sein

Dies durchzusetzen wird keine einfache Auseinandersetzung. Facebook und viele Mitglieder der Facebook-Karawane werden auf vielfältigste Art dagegenhalten. Ein starkes Argument wird sein, dass die freie Marktwirtschaft unterminiert würde. Doch das ist falsch. Das Kartellrecht konnte auch nur gegen genau diesen Widerstand durchgesetzt werden. Nun sind wir froh, dass wir es haben. Die Freiheit wird so nicht gefährdet sondern geschützt.

Man muss sich bei alledem immer wieder vor Augen halten: Die Alternative ist eine zunehmend geschmeidiger laufende Massen-Manipulation-Maschine, die schon bald selbst dafür sorgen wird, dass Politiker und Parteien mit solchen Plänen, immer weniger Erfolg haben.

2 Gedanken zu “Das Facebook-Dilemma und wie man es angehen kann

  1. Entschuldigung, aber ich muss widersprechen. Ich bin ein Facebook-Nutzer, aber ich habe keine Sucht danach. Warum nicht einfach … die App schließen und nicht öffnen? Es ist auf meinem iPhone, aber ich kann ohne Facebook für Tag, zwei Tage, drei Tage, Woche leben, was auch immer 🙂

    • Okay, ich verstehe, danke für den Kommentar. Sie sind nicht süchtig. Sehr gut. Aber vielleicht andere? Es sind nicht alle so stark, wie Sie.

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