Umgezogen!

Seit 2 Wochen leben wir nun in Berlin und zwar “for good”, wie die Amerikaner sagen, auf Dauer. Eben noch habe ich in Bad Homburg Rasen gemäht und Rosen geschnitten. Und seit 4.6. ist das alles vorbei. Wehmut? Nicht die Bohne. Ich bin erstaunt, wie wenig mir das alles fehlt.
Das große Haus, die vielen kleinen Aufgaben darin, die bekannten Wege darum, alles abgehakt und abgeschlossen.
Seedamm Bad, Siggis Brötchen, Karstadt Einkauf, Golfplatz, Saalburg, mit der U-Bahn ins Kino, vorher im Brighella essen, merkwürdig merkwürdig, dass das nun überhaupt nicht mehr präsent ist.
Wir haben es eingetauscht gegen eine uns immer besser gefallende Wohnung. Sie wird zum einen stetig wohnlicher, weil wir Karton um Karton auspacken, Möbelstück für Möbelstück, Teppich für Teppich neu platzieren. Aber wir entdecken auch täglich Neuland im Umland. Der Standort Wilmersdorf am Ende des KuDamms und an der Grenze zu Charlottenburg ist wirklich genial. Eben waren wir mit dem Fahrrad in 5 Minuten im Kino am KuDamm, Karten fürs Theater um die Ecke haben wir auch schon, alle Geschäfte, alle Ärzte, alle Kneipen und Restaurants – es ist gleich um die Ecke!
Wir sind total begeistert.
Berlin, Du bist cool!

So sieht übrigens ein Blick von unserer Dachterrasse aus:

140622 Bra46 Dachterrasse

Ausland fühlt sich komisch an

Nun bin ich zum x-ten Male in Frankreich und dieses Land ist mir auf viele Weisen gut vertraut. Zudem ist es uns Deutschen nah, rein räumlich wie auch kulturell, wirtschaftlich, historisch. USA, England oder die Türkei sind uns ferner, fremder.
Und doch: wie wundere ich mich ein ums andere Mal über die Sonderbarkeiten hier – und wähne mich auch durchaus arrogant darüber stehend. Der Hurra-Patriotismus des Fernsehens, der Chauvinismus in Sachen eigene Lebensart und auch Sprache, die Rücksichtslosigkeit auf der Straße und Vieles mehr – Manches würde ich hier gerne ändern.

Meine Sorge: Das geht sehr Vielen so, Ausland fühlt sich für jeden komisch bis fremd an. Aber wenn es so ist – welche Chancen haben wir dann, Europa noch enger werden zu lassen?

Mir scheint, viele dieser “Merkwürdigkeiten” im Ausland sind eher Soft-Facts, Ussancen, Stilfragen, mitunter sogar Missverständnis-basiert. Kommt es zu normalen “Geschäftsprozessen der Gesellschaft” (Einkauf, Arztbesuch, Studium, Immobilienkauf, Erbschaft etc.), dann ist das weitgehend vertraut und nur nuanciell verschieden.

Trotzdem “reibe ich mich” an Mancherlei. Sind es nicht gerade die Stilfragen, die darüber entscheiden, ob und wieweit man sich vertraut? Kann also noch mehr Integration in Europa gut gehen, die doch auf noch mehr Vetrauen fußen muss?

Eine sehr einfache Frage hilft, dass alles zu relativieren: Könnte ich in diesem Land alt werden? Dauerhaft hinziehen, dorthin, wo es warm ist und als Rentner Tomaten züchten?

Antwort: Nach Stuttgart oder München würde ich nicht wollen, nach Aix-en-Provence oder Montpellier schon. Diese Erkenntnis hat mich selbst verblüfft. So schlimm kann es mit der fremden Kultur wohl doch nicht sein.

Vielleicht ist diese Frage ein ganz guter individueller Lackmus-Test auf gefühlte Fremdheit eines Landes. Ob wir so auch das Maß unserer bevorstehenden Integrationslast abschätzen können, steht auf einem anderen Blatt.

Auch im Winter ist die Bretagne schön

Morgens ist es nahe Null Grad, aber die Sonne wärmt alles schnell bis zu 10 und man kann mittags in warmen Jacken draußen sitzen.
Das Meer ist silbergrau und sieht kalt aus.

La Teignuse

Meer und Wind und Felsen spielen ihr Spiel im Winter wie im Sommer.

Einige Nordmeer-Vögel überwintern hier. Auf dem Bild ist die graue Ringelgans zu sehen, etwa entengroß und recht scheu, man kommt nicht wirklich dicht ran. Sie lebt sommers am Polarkeis.

Graue Ringelgänse

Der weiße Seidenreiher, Egretta Garcetta, ist das ganze Jahr hier.

Seidenreiher

Und die eher zutraulichen schwarzen Kormorane auch. Einige haben einen weißen Bauch, was laut Wikipedia eigentlich eher auf der Südhalbkugel vorkommt und deshalb hier anscheinend eine Rarität ist

Kormorane

Alle Fotos habe ich auf der Halbinsel Quiberon im Süden der Bretagne gemacht. Wer sich hiervon etwas downloaden will: nur zu! Es gibt keinerlei Einschränkungen, CC0.

Die Ebbstrandsandbilder eignen sich z.B. recht gut als Wallpaper.

Im befreundeten Ausland

Wir haben wieder eine Woche in Frankreich verbracht, eine schöne Woche. Und doch kann ich nicht umhin, Franzosen immer wieder ein wenig eigenartig zu finden.
Das erstaunt mich, denn ich kenne recht viele recht gut. Trotzdem “reibe” ich mich an einigen Eigenheiten. Besonders auffällig finde ich, was ich versuchsweise “passive Rücksichtslosigkeit” nennen will, ein Nicht-Berücksichtigen der Bedarfe anderer. “Passiv”, weil es eher eine Bequemlichkeit, ein “Nicht-darüber-Nachdenken” ist und nicht ein bewußtes oder gar aktives Bedarfs-Ignorieren. Kein praktizierter Zynismus sondern eher en-passant. Wird ein impliziterer Bedarf plötzlich explizit, wird er aktiv geäußert, ist man in Frankreich außerordentlich hilfsbereit, die Menschen sind nicht kalt, sie sind nur stark mit anderen Dingen (sich selbst?) beschäftigt.
Manche impliziten Bedarfe scheinen mir sehr offensichtlich, etwa die 6-köpfige Familie, die über die stark befahrene Straße gehen will. Niemand hält an. Ich halte an – und man ist erstaunt über den Fakt. Dann Blick aufs Kennzeichen, ach so, danke, okay.
Das gibt es auch im Großen: Im Kern stammt ja Marketing aus der Erkenntnis, dass mir unbekannte Menschen vor einer Entscheidung stehen und ich diese Entscheidung in eine bestimmte Richtung, in die meines Produktes lenken will. Ich muss überlegen, was in der konkreten Situation für den potenziellen Kunden entscheidungsrelevant ist, sachlich oder emotional; implizite Bedarfe und auch mögliche Störungen muss ich antizipieren. Die Fähigkeit hierfür scheint mir in F schwächer ausgeprägt zu sein als z.B. in D oder UK oder USA. Wer unser Produkt nicht gut findet, hat selbst Schuld – das scheint in Frankreich oft die Sicht zu sein.
Schade, das Land hat so viele so tolle Produkte (u.a. auch das Land selbst), man könnte da wirklich was draus machen. Beispiel Cognac: Wieviele Marken kennt man? 3? Maximal. Und wieviele Whisky-Marken mit unaussprechlichen Namen? Vermutlich mehr als 10, von Dimple, Chivas, Johnny Walker & Co. ganz zu schweigen. Dabei bietet Cognac mit Sicherheit eine mindestens ebeneso breite Aromen-Vielfalt wie Scotch Single-Malts.
Eine aktive Bedarfs-Anzipiation würde indessen in Frankreich selbst sehr gut ankommen – man wäre allerdings erstaunt und würde auf den Absender schauen: ist das wirklich ein französisches Produkt? So umsichtig? Erstaunlich!
Ich denke auch, dass die deutschen Exporterfolge zu einem großen Teil eben auf der Fähigkeit des Erkennens impliziter Bedarfe beruhen und auch, dass dann bei der Umsetzung nationale Botschaften oder Prinzipien hintenangestellt werden. Hingegen der jahrelange Renault-Slogan: “Createure d’Automobile”, schön französisch ausgesprochen, ist eben zwar sehr brav und 1a korrekt für den französischen Direktor, aber schlecht fürs deutsche Publikum.