Digitaler Nachlass – ein guter Auftaktevent: digina16

Am 24. November 2016 haben sich Unternehmer, Wissenschaftler, Juristen, Journalisten und Blogger getroffen, um das Themenfeld „Digitaler Nachlass“ gemeinsam zu diskutieren – auf der digina16 (digitaler Nachlass 2016). Es war die erste Veranstaltung dieser Art, und die anregenden Vorträge, Gespräche und Kontakte, aber auch die öffentliche Resonanz (Tagesschau!) lassen annehmen, dass im nächsten Jahr die digina17 folgen wird.

Die Veranstalter haben hier bereits viele interessante Ergebnisse zusammengefasst.

In meinem Beitrag hier stelle ich einige persönliche Eindrücke sowie ergänzende Aspekte, die kaum zur Sprache kamen, vor.

Formalien

  • Der Kongress fand statt im Bestattungsforum des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg.
    Quelle: Hamburger Friedhöfe
    Quelle: Hamburger Friedhöfe

    park aussenAuf diesem riesigen Friedhof-Park (auf dem sogar Buslinien fahren, er soll der größte Europas sein), hat man sehr moderne und funktionale Tagungsräume eingerichtet. Die liegen zwar direkt neben dem Krematorium, aber vom Friedhofsbetrieb bekam man beim Kongress nichts mit. Die Location war wirklich perfekt gewählt. Geholfen hat sicher, dass die Hamburger Friedhöfe die Räume als eine Art Anschubfinanzierung für den Kongress gesponsort hatten.

  • Auf dem Programm standen 5 Beiträge und eine Podiumsdiskussion. saal podiumDie Beiträge bestanden aus 30-40 Minuten Frontal-Beschallung, dann wurde recht engagiert diskutiert. Dazwischen gab es Kaffeepausen und einen Lunchbreak. Zeit zum Networking war also reichlich vorhanden und wurde auch entsprechend genutzt. Das recht offene, nicht besonders rigide Programm war sehr hilfreich.
  • Der Kongress dauerte von 9:00 bis 17:30, fast alle der rund 60 Teilnehmer blieben bis zum Schluss. Die meisten fanden es also spannend.

Inhalte

Das Thema „digitaler Nachlass“ muss sich erst noch selbst finden. Die Beiträge bildeten diesen Suchweg zum Teil ab.

Das geht schon beim titelgebenden Begriff los: Was ist überhaupt der digitale Nachlass?

Eine Definition, die zu kurz greift

Wikipedia versteht unter dem Nachlassdie Gesamtheit des aktiven und passiven Vermögens eines Verstorbenen oder die Erbschaft desselben„. Der digitale Nachlass wäre dann der elektronische Teil davon. Für viele Kongressteilnehmer ist das aber zu klein gedacht. Sie verstehen darunter auch zum Beispiel das gesponnene soziale Netz und seine vielfältigen Interaktionen, die auch nach dem Tod des Körpers fortbestehen.

„…Nach unserem Verständnis ist digitaler Nachlass noch mehr: Das sind auch die Beziehungsgeflechte und Gespräche, die Menschen in Social Media Netzwerken, Foren und Communities hinterlassen. Stirbt ein Mensch, erben die Hinterbliebenen auch den digitalen Nachlass. An ihm hängen Werte, manchmal viel Geld, in jedem Fall wichtige Erinnerungen und Andenken….“ (www.digital-danach.de; „Was ist eigentlich digitaler Nachlass?“)

Diese Sicht ist weiter, erscheint mir aber auch ein wenig zu „post-mortal“-lastig. In der Tat: Die meisten Besucher kamen aus dem Bereich dieser eher Bestattungs-orientierten Arbeit, waren Beerdigungsunternehmer oder Trauerbegleiter, suchten digitale Konten Verstorbener und lösten diese dann auf. Und auch die Vorträge orientierten sich primär an diesem Nachlass-Verständnis: Wie kompliziert ist es, bei XING ein Konto zu löschen, wem gehören die Daten eines Verstorbenen, was bleibt von mir virtuell, wenn ich physisch nicht mehr bin?

Die zwei Seiten

Wichtig und richtig ist, dass der Tod eine klare Grenze zieht. Rein geschäftlich gesprochen liegt aber auf beiden Seiten dieser Grenze interessantes Gelände. Diese „Gelände“ könnten indessen kaum unterschiedlicher sein.

Die diesseitige Sicht

Diesseits der Grenze hat das Thema „digitaler Nachlass“ für viele Menschen erhebliche Relevanz. Nur zu Lebzeiten können wir unseren digitalen Nachlass regeln und all das vorbereiten, was sonst unsere Nachkommen nach dem Tod mühsamst erarbeiten müssen. So wie man etwa ein Testament angeht, so sollte man auch mit dem digitalen Nachlass verfahren.

Meist wird das Thema mit Gelassenheit und Ruhe behandelt, planvolles Handeln mit hohem Sicherheits-Bedarf steht im Vordergrund. Ähnlich wie bei einer Lebensversicherung bereiten die allermeisten einen Zeitpunkt vor, von dem sie hoffen, er möge noch weit entfernt sein. Hieraus entstehen ganz spezifische Merkmale dieser Nachlass-Sicht.

Ein digitaler Nachlass muss zum Beispiel lange im  Voraus geplant werden, d.h. die „Regelungen“ etc. müssen ggf. noch 20, 30 oder mehr Jahre überhaupt umsetzbar sein: Doch welche Technik wird dann im Einsatz sein? Welcher derzeit für sicher gehaltene Software-Schutz, Passwort-Safe und Verschlüsselungstrick ist in 30 Jahren noch nicht geknackt?

Und auch das Leben kann noch viele Änderungen bereithalten: Wer ist dann noch Vertrauensperson? Wen muss man bedenken, der derzeit vielleicht noch gar nicht lebt? Wer ist mittlerweile schon verstorben?

Wie man diese Fülle an Fragen strukturiert angeht, habe ich zum Beispiel in meinem Buch „Mein Recht im Netz“ vorgestellt. Auf der digina16 hörte man hierzu leider recht wenig. Unternehmer, die solche Services etwa im Umfeld von Lebensversicherungen anbieten (akquisitorisch ein sehr sinnvoller Ansatzpunkt), waren klar in der Minderheit.

Die eher jenseitige Sicht

Diese „Fraktion“ war gut vertreten, die Geschäftsmodelle und Ansatzpunkte zur Akquisition sind aber auch deutlich klarer. Denn die Kunden haben akuten Handlungsbedarf. Das ist schon mal generell gut fürs Geschäft.

In aller Regel herrscht auf Kundenseite (neben Trauer und Betroffenheit natürlich) Eilbedürfnis bis Hektik, häufig digitale Orientierungslosigkeit und generell eine eher kurzfristige Gesamtorientierung. Das Kapitel soll möglichst zügig auch wieder geschlossen werden, das Leben geht ja weiter.

Entsprechend übersichtlich bis fahrlässig niedrig ist hier oft das Sicherheitsbedürfnis. Bevor die Nachkommen überhaupt verstanden haben, welche digitalen Besonderheiten, Vertraulichkeiten und vielleicht sogar Schätze Opa in irgendwelchen Clouds und Online-Services über die Jahre zusammengetragen hat, wird alles womöglich einem Rechercheur in Sachen digitaler Nachlass gegeben, mit der Bitte, Schätze zu heben und dann alles „dicht“ zu machen, Konten zu schließen, Services zu kündigen.

Hierzu gibt es eine ganze Reihe von Anbietern. Einige sind Spezialisten, andere sind schon lange dabei und haben diese Leistung ins Portfolio mit aufgenommen. Wie seriös jeder einzelne von diesen mit vertraulichen Daten umgeht, wäre durchaus eine Überprüfung wert. Hier hätte ich mir eine etwas differenziertere Diskussion gewünscht, eine, die über die eher schlichte Erkenntnis: „das Konto bei Facebook und web.de zu löschen ist zu wenig kundenorientiert!“ hinausgeht.

Eine sehr grundsätzliche Frage mit einem knappen Rat

Sehr spannend wäre zum Beispiel auch die Frage: Soll man überhaupt gleich alles löschen? Auch alle Mail-Accounts? Und wenn da einmal im Jahr der Kontoauszug vom versteckten Online-Depot hingeht? Die Gewinn-Nachricht aus der Online-Zockerei? Oder die Info, bei einer eBay-Auktion den Zuschlag erhalten zu haben? Oder vielleicht die Nachricht, dass es einen Bieter für die vor Jahren erworbene Domain „www.geheimnis.net“ gibt? Vieles geht an dem vorbei, der keinen Zugang mehr zu den E-Mails hat.

Mein Rat an dieser Stelle wäre: Man überlege sehr genau, welchen Online-Provider man überhaupt frühzeitig vom Todesfall unterrichtet. Ist der Account erstmal zu, dann kriegt man ihn kaum wieder auf. Gerade bei einem eMail-Konto, das ja oft zum Beispiel Verifizierungsstelle für viele andere Konten ist, man denke nur an die Passwort-vergessen-Funktion, kann das fatal sein.

Also hier gibt es noch viel Raum für weitergehende Vortragsthemen, ich bin auf das Programm  der digina17 schon gespannt.

Beobachtungen am Rande

Neben diesen fachlich grundsätzlichen Punkten fielen mir noch einige eher anekdotische Einzelaspekte auf:

  • Viele Anbieter rund um das „digitale Lebensende“ sind selbst gestorben. Nicht physisch, das weiß man nicht, aber die Online-Angebote sind oft verwaist oder nicht mehr vorhanden. Es ist eben ein langsam erwachender Markt mit zur Zeit noch wenigen robust agierenden Unternehmen. Vielen ging und geht unterwegs noch die Puste aus.
  • Das Thema scheint aus professioneller Sicht eher junge Menschen anzusprechen. Als 63-jähriger war ich, wie auf vielen anderen digitalen Kongressen, klar der Älteste. Vermutlich zieht das „digital“ im Titel Jüngere stärker an als der „Nachlass“ diese tendenziell abstößt.
  • Erstaunlich viele professionellen Teilnehmer kommen zudem aus einem verwandtschaftlichen  Bestattungsumfeld (Geschwister, Mutter-Sohn etc.). Die Beschäftigung mit diesem etwas speziellen Markt scheint häufig einen familiären Hintergrund zu haben.
  • Das notorische Problem der rückkoppelnden Raum-Mikrophone für Diskussionsbeiträge scheint trotz sonstiger digitaler Fortschritte immer noch nicht ganz verstanden und behoben zu sein.

Weitere Fragen, Ergänzungen und auch kritische Kommentare sind sehr willkommen. Sie werden hier alle veröffentlicht, wenn die Minimum Etikette eingehalten wird.

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