Digitale Reife

Abstract

Die mangelnde digitale Reife in Deutschland ist Ursache für seine international zweitklassige IT-Position. Aber digitale Reife hat nichts mit modernen Geräten und üppiger Bandbreite zu tun. Die Ursachen des Mangels stecken in unseren Köpfen.

Die folgenden drei Beispiel zeigen einmal mehr: die wichtigste Zukunfstinvestition in Deutschland muss der digitalen Reife gelten.

Allgemeiner Konsens: Zu wenig Breitband

Da nicken alle, die am vielzitierten Stammtisch, die an der Bar und die am eigenen Küchentisch: Deutschland ist digitales Entwicklungsland. Und bei den Gründen herrscht auch große Einigkeit: zu wenig Investitionen in Verkabelungen, Geräte, Schul-PCs und so weiter. Ein Schuldiger wird dabei immer schnell genannt: das fehlende Breitbandkabel. Wenn das endlich da ist, wird alles gut.

Darum beruhigt es auch Viele zu hören, dass die neue Regierung hier ordentlich Geld anfassen will und vielleicht sogar einen speziellen IT-Minister einplant. In drei Jahren wäre dann also die Weltspitze erreicht. Digitale Reife wird gekauft.

Wenn es doch so einfach wäre!

Alle Regionen der Republik an das schnelle Internet anzuschließen, ist natürlich ein richtiger und notwendiger Schritt, das wird nicht bestritten. Doch man sollte eher fragen, warum das nicht schon längst erkannt und behoben wurde. Bei der Suche nach einer Antwort, wird man schnell auf diese Ursache stoßen: Eine wesentliche Hürde war der bisher niedrige Stellenwert, den alles Digitale für Viele lange Zeit hatte und erstaunlicherweise auch 2017 immer noch hat.

Es ist immer noch irgendwie ein Thema für junge Leute, für Nerds, für introvertierte Menschen, die sich mit verspielten Welten abgeben und wirkliche Werte und Kulturgüter nicht zu schätzen wissen. Und auch: Das Internet-Spielfeld gehört doch den nicht gerade bewunderten Amerikanern, von denen muss man sich doch bitteschön nun wirklich nicht jede Mode vorschreiben lassen.

Das ist alles unreife Kinderdenke. Die Realität ist ganz anders. Unsere Hauptanstrengungen sollten dem Zurückdrängen dieses  albernen Weltbildes gelten! Denn wir müssen raus aus der distanzierten bis ablehnenden Haltung, in der alles, was nach Internet riecht, erstmal vorsichtshalber eingebremst wird. Und wir müssen hin zu einer im Detail kritischen (nie verkehrt!) aber eben im Prinzip positiven Einstellung gegenüber der digitalen Welt. Das ist unsere Zukunft. Wir brauchen einen Umgang mit der IT, der zunächst nach den Chancen fragt und nicht sofort reflexhaft nach den Risiken.

Das ist es, was ich mit digitaler Reife meine: die grundsätzliche und konstruktive Akzeptanz der digitalen Möglichkeiten, die Neugier auf das Kommende. An vielen Stellen trifft man diese Neugier bereits, aber an manchen entscheidenden eben auch nicht. Und das ist die große deutsche Bremse. Sie befindet sich im Kopf.

Eine Widerstands-Community

Es gibt in Deutschland (und in vielen anderen Ländern, z.B. Frankreich) eine zwar unorganisierte, aber doch sehr wirkungsvolle Community, die, wo sie geht, steht, spricht und schreibt digitale Entwicklungen behindert, verhindert und desavouiert. Leider gehören immer noch viele Journalisten zu dieser Gemeinschaft und ich befürchte auch sehr viele Lehrer.

So komplexe Themen wie Digitalisierung sind nun einmal auf das vermittelnde und erklärende Wort des etwas-besser-Kundigen angewiesen. Wenn hier Bedenkenträger und Innovationsbremser weiterhin den Ton angeben, entsteht ein nachhaltig falsches Bild.

Für diese These kann man täglich Beispiele und Belege finden, ich stelle hier drei Beispiele vor, die mir recht aktuell über den Weg gelaufen sind und mich wieder verblüfft haben: Der alte Ablehnungsgeist ist noch immer sehr aktiv.

Beispiel 1: Kolumne im Tagesspiegel

Am 8.11.17 erschien ein durchaus interessanter Beitrag im Berliner Tagesspiegel, Thema „Herzloser Autofahrer“. Die Entrüstung darin kann man wirklich nur teilen. Doch dann am Schluss wurde noch kurz digital ausgeteilt, einer muss ja schließlich an dieser Entwicklung Schuld sein. In diesem Fall waren es die bösen digitalen Natives. Denen fehlt nämlich Empathie-Training, weil sie immer nur mit blutleeren Internet-Spiel-Avataren Umgang haben.

Eine steile These. Dass praktisch alle Spiele von Mensch-ärger-Dich-nicht über Monopoly bis Schach den herzlosen und brutalen Umgang mit dem direkt gegenüber Sitzenden zum Kern haben, wurde dabei wohl übersehen. Dass alle die Grausamkeiten der letzten Jahrhunderte bis in die jüngste Vergangenheit von Menschen begangen wurden, die offline sozialisiert wurden, ebenfalls. Und dass die aktuelle Psychologie von so einfachen Zusammenhängen (wenn online-Spieler, dann weniger mitfühlend) bei der Empathiebildung nichts weiß, schließlich auch noch.

Was soll sowas also? Wozu diese plumpe Schuldzuweisung, dieses Mobbing gegen das Digitale? Braucht der Leser immer einen vorgekauten Deutungsrahmen, eine eingängige Antwort auf das „Warum“? Die üblichen Verdächtigen (Trump, Höcke, Erdogan) fielen hier aus, blieb darum nur das Internet? Es scheint fast ein deutscher Reflex zu sein, im Zweifel auf das Internet zu schimpfen. Digitale Reife sieht anders aus.

Beispiel 2: FAZ

Bei der Frankfurter Allgemeinen gibt es zwar durchaus ein online-Angebot als E-Reader sowie als App (FAZplus) – das ist prima vista lobenswert. Hier konnte sich die „Internet-Fraktion“ des Hauses mal durchsetzen. Doch das wars dann auch. Zu Ende gedacht ist das Produkt nicht, die vielen Preise und Lobreden dürfen einen da nicht blenden. Denn vollständig digitalisiert ist die FAZ mit diesen Anwendungen keinewegs.

Auf den letzten Metern ging wohl die Puste aus und man sagte sich: „Das muss jetzt erstmal reichen – soo wichtig sind die digitalen Kunden nun auch nicht!“ Hier einige Beispiele:

  • Im E-Reader kann man bei Interviews nicht erkennen, wer fragt und wer antwortet. Das wird alles in der gleichen Type hintereinander weg geschrieben, ohne erkennbaren Wechsel, nichts ist fett, kursiv oder eingerückt. Man kann das mit Humor nehmen und darin eine intellektuelle Herausforderung sehen, aber formal ist es ein Zeichen für mangelnden Respekt vorm Kunden.
  • Geht ein Artikel im Print über zwei Seiten, dann werden im E-Reader auch zwei Beiträge draus gemacht. Die Anschlussstelle zum Weiterlesen muss man dann selber finden. Das ist wie Heizer auf der E-Lok.
  • Alle Rätsel sind für digitalen Kunden nicht nutzbar. Beim Kreuzworträtsel (täglich!) ist das besonders ärgerlich. Im ZEIT-Magazin kann man sehen, wie ein digitales Kreuzworträtsel funktionieren kann. Doch die FAZ spendiert nicht mal eine Ausdruck-Option, so dass man zumindest über den Zwischenschritt eigener Drucker zum Knobelspaß käme.
  • Bei den wirklich guten saisonalen Spezialrätseln (Sommerrätsel, Weihnachtsrätsel) über viele Seiten mit attraktiven Gewinnen ist man als Digital-Kunde ebenfalls aufgeschmissen.
  • Und die dicke Sonntagszeitung hat man gleich ganz aus dem digitalen Angebot ausgeklammert. Am Wochenende lesen digitale Kunden ja nicht.

Bei mir kommt von alledem diese Botschaft an: Wer die FAZ unbedingt digital lesen will, ist ein nicht besonders wichtiger und weniger geachteter Kunde.

Beispiel 3: Lehrer

Gerade wieder habe ich diese Diskussion mit einem Gymnasial-Lehrer geführt, Jahrgang 1960. Er lehnt kindle & Co ab und will seinen Schülern das herrliche haptische Gefühl des Umblätterns erhalten. Den Geruch alter Bücher – hmmm. Das Gefühl des Leders – ahhh. So reden und denken ja Viele, nicht nur Lehrer.

Ich glaube, auch Pferdeäpfel haben irgendwie ganz gut gerochen, außerdem kann man damit Erdbeeren düngen. Auspuffgase hingegen beleidigen jede Nase. Hätte man deshalb damals mehr Widerstand gegen die Motorisierung auf den Straßen leisten sollen? Und hätte es was gebracht?

Mein befreundeter Lehrer bemängelt weiter, dass zu viel Lernzeit der Kinder im Internet verpufft. Viele können kaum noch richtig buchstabieren. Das mag sein. Doch ist gute Orthografie wirklich eine intellektuelle Schlüsselkompetenz? Beim Einmaleins sehe ich das ein, man kann den Zahlenraum und etwa die Bedeutung von Primzahlen nicht verstehen, wenn man nicht elementare Rechenoperationen beherrscht (außerdem hilft flinkes Rechnen beim Einkaufen).

Aber Buchstabieren? In 2-5 Jahren werden wir alle in eine Gerät sprechen und das schreibt dann für uns. Word und WhatsApp korrigieren doch jetzt schon alle Tippfehler. Es wäre viel wichtiger, die Wirkungsweise der dafür notwendigen BOTs zu verstehen, als die richtige Schreibweise von „parallel“ zu kennen.

Auf meine These, es sei die Aufgabe des „Lehrkörpers“, die Schüler auf die Zukunft vorzubereiten und nicht überkommenes Wissen und überkommene Fertigkeiten zu erhalten, erwidert mein Lehrerfreund: Die digitale Entwicklung führt die Menschheit fort von allen wesentlichen Kulturgütern und -fähigkeiten. Alles wird dadurch platt, einfach, irgendwie amerikanisch. Er könne das zwar nicht grundsätzlich aufhalten, aber zumindest verzögern. Und genau darin sähe er seine Aufgabe.

Mit dieser gefährlichen Sicht steht er, so mein Eindruck, durchaus nicht allein.

Was schließe ich daraus?

Digitale Reife ist weiterhin eine Mangeltugend in diesem Land. Ursache ist wohl die Angst vor dem Neuem, vor der Veränderung, vor der Sorge, immer weniger zu verstehen. Eine sehr gefährliche Ursache. Denn wer sich dieser unreifen, weil bequemen und etwas weinerlichen Haltung hingibt, verliert immer mehr den Anschluss. Digitale Reife ist nämlich nicht etwas, was irgendwie irgendwann von alleine kommt, so wie bei Äpfeln und Birnen. Die digitale Kindheit kann durchaus ohne Zwischenphase in die digitalen Demenz übergehen. Ich habe schon jetzt Freunde, die davon nicht mehr weit entfernt sind.

Die digitale Welt kommt nicht, sie ist längst da, seit vielen Jahren. Unsere Autos, Stereo-Anlagen und Kühlschränke unterhalten sich doch schon mit uns. Wer nicht damit umgehen will, wird schrittweise als Mensch immer mehr Lebenstüchtigkeit und als Unternehmen sein Geschäftsmodell verlieren. Ist er ein verantwortlicher Redakteur in einem Verlag, dann verliert er seine Leser. Und ist er Lehrer und gestaltet seinen Unterricht nach „old-school“-Prinzipien, dann erfüllt er seinen Auftrag nicht.

In seinem Grußwort zum Berliner Mittelstandskongress schreibt Peter Altmeier: „…Sie [die Digitalisierung, Anm. des Autors] wird in den kommenden Jahren nahezu jeden Prozess in einem Unternehmen verändern – von der Buchhaltung über die Kundengewinnung bis hin zum Verkauf. Eine Internetseite zu betreiben, wird in Zukunft nicht ausreichen, um langfristig Kunden und Mitarbeiter an sich zu binden….“. Der Minister hat recht, keine Frage. Schwierig ist nur, dass sowas noch im November 2017 gesagt werden muss.

Aber es ist eben so, noch immer stellen sich Viele in den digitalen Weg. Sie behindern sich dabei selbst und, wenn sie ein wenig Einfluss haben, auch viele andere.

Don Quichote grüßt sie alle herzlich.

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